Ausziehen von zu Hause

Jugend- und Erwachsenenalter

Ausziehen von zu Hause

Stand: 06.02.2020

Ausziehen von zu Hause ist für alle Menschen ein sehr wichtiger Schritt zu mehr Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Ob das Kind eine Behinderung hat oder nicht, dieser Schritt ist zunächst für viele Eltern nicht leicht. Für Eltern von Kindern mit Behinderung ist dieser Ablöseprozess dennoch ein besonderes Ereignis, wo die Unterstützung, Erziehung und Pflege der Kinder mit Behinderung für viele zur Lebensaufgabe geworden ist. Mit einem anstehenden Auszug des Kindes kommen Fragen auf: Was mache ich nun, wenn diese Aufgabe wegfällt? Wird es meinem Kind ohne uns als Eltern überhaupt gut gehen? Wird mein Kind mit der großen Veränderung, die ein Umzug mit sich bringt, klarkommen? Wie kann mein Kind zukünftig unterstützt werden, auch wenn wir als Eltern möglicherweise in Zukunft weniger oder nicht mehr für das gemeinsame Kind sorgen können?


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Warum ist es so schwer, wenn ein Kind mit Behinderung auszieht?  

Viele Eltern von Kindern mit Behinderung tun sich besonders schwer mit dem Gedanken, dass ihr Kind von daheim ausziehen soll. Doch warum ist das so? Ein Grund dafür ist, dass die Eltern sich meistens um diese Kinder zwangsläufig viel mehr kümmern, als um Kinder, die keine Behinderung haben und vielleicht schon mit 15 Jahren ihre eigenen Wege gehen. Umso schwieriger fällt natürlich auch das Loslassen, weil man in gewisser Weise fester zusammengewachsen ist und es schwerfällt, sich das Leben anders vorzustellen.  

Dann gibt es auch noch den Gedanken, dass dieser Auszug für das Kind sowieso kein Schritt in die Selbständigkeit sein kann, weil es sich nicht alleine versorgen kann. Das ist bei vielen Kindern mit Behinderung leider Realität. Aber dennoch kann das Ausziehen ein Schritt in „ein eigenes Leben“ unabhängig von den Eltern sein, auch wenn dafür weitere Hilfen notwendig sind. Dieser Schritt ist in vielerlei Hinsicht für alle Heranwachsenden wichtig, egal ob sie körperlich oder geistig in der Lage sind, sich selbständig zu versorgen. Das Gefühl des  „Erwachsen-seins“ und „etwas Eigenes“ zu haben ist eine wertvolle Erfahrung, die zum Leben dazu gehört und zum Teil Grundlage für weitere Entwicklungsschritte ist, die man vielleicht gar nicht für möglich gehalten hätte.

Entscheidend ist auch oft die brennende Frage, ob es dem Kind dort dann auch gut geht, weil man doch selbst nach vielen Jahren am besten weiß, was ihm gut tut. Doch auch für Kinder mit Behinderung ist es wichtig zu lernen Kompromisse einzugehen und sich in eine Gruppe einzuordnen, bei der man selbst nicht immer an erster Stelle steht, wie es in der Familie häufiger ist. Auch in dieser Hinsicht bedeutet Ausziehen eine Entwicklung.

Ich habe Angst den Kontakt zu meinem Kind nach dem Auszug zu verlieren

Diese Angst kommt häufig vor, entspricht jedoch meistens überhaupt nicht der Realität. So wie man zu anderen Kindern, die von zu Hause ausziehen, noch mehr oder weniger intensiven Kontakt hält, so kann man das mit Kindern mit Behinderung genauso tun. Gemeinsame Unternehmungen, Einladungen zum Abendessen, Telefonate und all das lässt die Verbindung zu deinem Kind bestehen. Es gibt vielfältige Möglichkeiten weiterhin ein Miteinander zu gestalten, nur eben in einem geringeren Umfang. 

Was spricht für einen Auszug?  

Natürlich gibt es auch Kinder, die nie von zu Hause ausziehen und das ist und bleibt die Entscheidung eines jeden Einzelnen. Wenn alle Beteiligten damit zufrieden sind, kann das natürlich auch eine Alternative sein. Einige Dinge sprechen jedoch dafür, dass Du nach passenden Wohnmöglichkeiten für dein Kind suchst.  

Man kann ein Kind nicht ewig pflegen

Denke auch an die Zukunft und daran, was passiert, wenn Du einmal “nicht mehr so kannst” und dir die Pflege körperlich zu anstrengend wird. Wenn dein Kind dann vielleicht selbst schon 50 Jahre alt ist und Du es zu Hause nicht mehr pflegen kannst, dann wird es in diesem hohen Alter auch für dein Kind sehr schwierig, sich noch einmal auf eine andere Wohnform als in den Kreisen der Familie einzustellen.

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Du hast ein Recht auf Freizeit

Auch Du hast ein Recht darauf, ein wenig mehr Freizeit und Erholung zu bekommen. Gerade dann, wenn das für dich vielleicht im Laufe der Jahre zu einem Fremdwort geworden ist, weil Du mit einem behinderten Kind einigen zusätzlichen Anstrengungen ausgesetzt warst. Natürlich hast Du diese für dein Kind gerne auf dich genommen, aber auch Du bist nicht unbegrenzt belastbar. Zwar können Offene Hilfen punktuell entlasten, doch das sind einfach nur kurze Verschnaufpausen.

Die entstehende Leere kann gefüllt werden

Wenn erwachsene Kinder von zu Hause ausziehen, eröffnet sich für die Eltern häufig erst einmal eine Leere, die gefüllt werden will. Doch in diesem entstehenden Freiraum eröffnet sich auch wieder viel Platz für die Partnerschaft, die vielleicht lange zurückstecken musste, für die anderen Kinder und vielleicht Enkelkinder, um die man sich kümmern möchte, oder für Reisen, für die man jetzt Zeit hat.  

Wohnen ist nicht mehr Verwahren

Moderne Wohnangebote, welche die individuell notwendige Betreuung anbieten können, haben meist nichts mehr mit früheren Verwahranstalten gemeinsam. Heute finden sich vielerorts Orte zum Leben, in denen sich Menschen mit Behinderung sehr wohl fühlen und an sich und anderen ganz neue Seiten entdecken können.

Einen Überblick über die verschiedenen Wohnformen findest Du in dem Fachbeitrag „Alles rund ums Wohnen“.

Die Finanzierung ist in vielen Fällen weitgehend gesichert

Die Finanzierung wird je nach Wohnart von unterschiedlichen Stellen der öffentlichen Hand übernommen. Außerdem erhälst Du unter Umständen weiterhin das Kindergeld, um dein Kind davon entsprechend unterstützen zu können. Außerdem kannst Du auch einige Aufwendungen für dein Kind steuerlich geltend machen. Auch Leistungen der Eingliederungshilfe, Existenzsicherung und des Pflegegeldes können eine finanzielle Entlastung für dich darstellen. Weitere Informationen zu rechtlichen Leistungen bei dem Thema Wohnen findest Du beim Fachbeitrag zum Thema Wohnen.  

Was macht die Entscheidung in der Praxis schwierig?

Im Moment entwickelt sich Einiges in diesem Bereich, wodurch die Entscheidung für die richtige Wohnform erschwert ist und eine klare Empfehlung, für die eine oder die andere Lösung nicht immer zu geben ist.  Es gibt viele Wege, die beschritten werden können und für jedes Kind ist ein anderer der Richtige. Die gegebene Wahlfreiheit bezüglich der Wohnform bzw. einem Platz in einer Wohneinrichtung wird allerdings häufig dadurch erschwert, dass lange Wartezeiten bestehen.  

Veränderte Konzeptionen

Früher gab es für viele Menschen mit Behinderung nicht viele Wahlmöglichkeiten. In vielen Fällen hieß es: Leben im Wohnheim oder zu Hause. Heute verändern die Trägervereine wie Lebenshilfe, Caritas und Diakonie zunehmend ihre Konzeptionen. Wohnheime werden anders gestaltet, es werden Wohngruppen in Wohnhäusern eingerichtet, man sorgt für Unterstützungssysteme, die ein Wohnen alleine ermöglichen sollen und bietet Wohntraining an. Die Angebote verändern sich sehr schnell, sodass Eltern häufig Schwierigkeiten mit dem Abwägen haben, welche Möglichkeit für ihr Kind die Richtige ist.

Veränderte finanzielle Rahmenbedingungen und Persönliches Budget

Früher war ebenso klar: Wenn jemand im Wohnheim wohnt, zahlt das der Kostenträger in der überwiegenden Anzahl der Fälle. Eltern müssen allenfalls eine geringe Zuzahlung leisten. Bei all den neuen Konzeptionen sind finanzielle Entscheidungen zum Teil individuell und regional verschieden.

Zusätzlich gibt es das persönliche Budget. Das ist ein pauschaler Geldbetrag, den Menschen mit Behinderung abhängig von ihrem individuellen Hilfebedarf in Anspruch nehmen können. Mit diesem können sie eigenverantwortlich Unterstützungsleistungen erkaufen, die sie für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben benötigen. So kann man über den Einsatz des Geldes selbst entscheiden.

Diese Vielfalt an Finanzierungsformen erschwert zwar die Auswahl, trotzdem gilt aber, dass die Finanzierung in vielen Fällen gesichert ist.

Wer bietet was an?

Um überhaupt eine Wahl zu haben, über die man nachdenken kann, ist das Angebot vor Ort ein entscheidendes Kriterium. Wo kannst Du näheres darüber erfahren?

  • Frage direkt bei den Trägervereinen der Behindertenhilfe in deiner Umgebung an, welche Angebote dort gemacht werden. Das sind zum Beispiel Lebenshilfe, Caritas, Diakonie oder Mitgliedsvereine des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.
  • Frage die Fachkräfte in den Einrichtungen, zu denen dein Kind bereits Kontakt hat. Diese sind meist sehr gut über die Möglichkeiten in der Region informiert.
  • Frage bei deinem örtlichen Behindertenbeauftragten, ob es eine Übersicht über Wohnangebote für Menschen mit Behinderung gibt.

Wie haben andere Eltern den Prozess erlebt?  

In diesem Video bekommst Du von verschiedenen Eltern einen ganz persönlichen, ehrlichen Einblick in all die Herausforderungen und Chancen, die das Loslassen und Ausziehen deines Kindes mit sich bringen. Das Beispiel ist aus Österreich, verdeutlicht werden soll hier die persönliche Erfahrung. 

Weiterführende Informationen
Quellenverzeichnis
  • Alter INTAKT-Artikel
  • https://www.ph-heidelberg.de/fileadmin/user_upload/wp/klauss/Abloesung.pdf
Bildquellen
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