Diagnose Psychische Störung bei Menschen mit geistiger Behinderung

Diagnosen

Diagnose Psychische Störung bei Menschen mit geistiger Behinderung

Stand: 30.03.2022

Viele Eltern kennen vermutlich Situationen mit ihrem Kind, die nur schwierig oder gar nicht zu bewältigen sind. Teilweise ist es möglich diese Situationen und Herausforderungen einzuschätzen und hier Ursachen für Verhaltensweisen zu finden. Manchmal ist das Verhalten des Kindes für uns aber unerklärlich und regelrecht herausfordernd. Bei einem Kind mit Behinderung ist es manchmal noch schwieriger, die Ursache für ein Verhalten herauszufinden, da sich das Kind vielleicht nicht selbst äußern kann. Daher kann es sinnvoll sein eine psychologische Einschätzung einzuholen. Im Folgenden bekommst Du einige hilfreiche Informationen und konkrete Anlaufstellen.

Psychische Störungen bei Menschen mit geistiger Behinderung - Ein Junge in gelben Pullover sitzt an einem Tisch und stützt seinen Kopf in die Arme. Dabei bedeckt er mit den Händen sein Gesicht

Bildquelle: © Katarzyna Bialasiewicz / 123rf.com

Psychische Störung - Verhaltensauffälligkeiten - Was ist das überhaupt?

Dass wir uns heute mit dem Thema psychischer Störungen bei Menschen mit geistiger Behinderung befassen, ist keine Selbstverständlichkeit. Lange Zeit wurden Ursachen auffälligen Verhaltens, das auf eine psychische Störung hinweisen könnte, einfach in der Behinderung gesucht. Im Fachbereich spricht man hier vom sogenannten „Overshadowing“, bei welchem bestimmte Symptome auf die Behinderung und nicht auf eine psychische Störung zurückgeführt wurden. Tatsache ist jedoch, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung bis zu fünf Mal häufiger psychisch erkranken.

Die Ursachen für die Entstehung psychischer Störungen sind vielfältig und komplex. Neben bestehenden biologischen Risikofaktoren kann eine psychische Erkrankung auch durch äußere Einflüsse (Umweltfaktoren) begünstigt werden, wie etwa eine eingeschränkte Selbstbestimmung, verringerte verbale Kommunikationsfähigkeiten oder auch Nebenwirkungen von Medikamenten. Durch eine sorgfältige Diagnostik kann daran gearbeitet werden herauszufinden, welche Verhaltensweisen in Zusammenhang mit dem Behinderungsbild stehen und welche einer möglichen psychischen Störung zuzuschreiben sind. 

Wichtig ist: Nicht jedes Verhalten, das wir als herausfordernd oder auffällig empfinden, hat einen Krankheitswert. Verhaltensauffälligkeiten sind also nicht automatisch psychische Störungen. Es ist hilfreich, genau  zu beobachten, wann es zu Auffälligkeiten kommt. Oft sind Verhaltensauffälligkeiten situationsspezifisch, das heißt, sie treten vermehrt in bestimmten Situationen und möglicherweise auch in (wiederkehrenden) Interaktionen mit bestimmten Menschen auf,  etwa mit einer engen Bezugsperson oder einem Betreuer. [Beobachten (lassen)!].

Psychische Störungen sind Erlebens- und Verhaltensweisen, die über einen längeren Zeitraum hinweg deutlich auffallen (auch unabhängig von einer konkreten Situation) und mit Leidensdruck der betroffenen Person und ihrer Umgebung verbunden sind.

Anlaufstellen scheint es zunächst viele zu geben: Mediziner, Psychologen, Psychiater oder (approbierte) Psychotherapeuten. Ist man aber erst einmal bei der konkreten Suche, wird schnell deutlich, dass viele leider nur wenig Erfahrung haben. Daher ist es wichtig, sowohl einen Überblick über mögliche erste Anlaufstellen zu bekommen, aber auch ganz konkrete Adressen herauszufiltern, die sich auf eine psychotherapeutische Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung spezialisiert haben. 

Wie kann es zu einer psychischen Erkrankung kommen?

Warum Menschen mit geistiger Behinderung ein erhöhtes Risiko haben, eine psychische Störung zu entwickeln, wird vor allem mit ihrer erhöhten Verletzbarkeit (Vulnerabilität) erklärt. Diese Vulnerabilität kann aus mehreren belastenden Umständen entstehen. Diese können zum Beispiel Schwierigkeiten beim Ausdruck der eigenen Bedürfnisse und Gedanken sein, wenn nur wenig oder gar nicht gesprochen werden kann. Auch im Alltag kann es zu herausfordernden Situationen mit Mitmenschen kommen, in denen sich Betroffene unverstanden oder auch missverstanden fühlen und die sehr frustrierend und enttäuschend für sie sein können. Oft fällt es dann schwer, diese Erlebnisse einzuordnen, sie zu verarbeiten und damit umzugehen. Hinzu kommt die oftmals eingeschränkte Mobilität und die damit verbundene stetige Abhängigkeit von anderen Menschen.  

Gleichzeitig können aber bei Menschen mit (geistiger) Behinderung häufig auch Faktoren fehlen, die sie vor der Entstehung einer psychischen Störung schützen. Neben freundschaftlichen Beziehungen, Partnerschaft oder einem erfüllenden Beruf spielt die Selbstwahrnehmung und das Selbstbild eine große Rolle. Nicht nur anderen gerecht zu werden, sondern eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und einzufordern, ist für viele Menschen nicht einfach, aber eine Grundvoraussetzung für psychisches Wohlbefinden. Es ist nachzuvollziehen, dass Menschen mit  beispielsweise eingeschränkten kommunikativen Fähigkeiten oder etwa einem hohen Maß an Fremdbestimmung folglich größere Hürden überwinden müssen, um sich mit ihrer eigenen Psyche zu befassen. 

Wichtig ist: Sich mit der eigenen Psyche auseinanderzusetzen, ist für viele Menschen mit Behinderung aber möglich! Das ist eine wichtige Voraussetzung für eine Therapie.

 

Wie kann eine Diagnose einer psychischen Erkrankung gestellt werden?

Um zu entscheiden, ob bei einem Menschen eine psychische Störung vorliegt, wird eine Differentialdiagnose – eine Diagnose, die auf mehreren Untersuchungen basiert – erstellt. Der erste Schritt ist dafür eine körperliche Untersuchung, um organische Ursachen für auffallende Verhaltensweisen auszuschließen.
Nach den körperlichen Untersuchungen werden die Symptome, die bisher aufgetreten sind, gesammelt und genauer angesehen – dieser Schritt nennt sich Psychopathologie. 

Anschließend wird die individuelle Entwicklung – unter anderem die Biographie und einschneidende bisherige Lebensereignisse – genauer angesehen. Außerdem wird die psychosoziale Situation – das Umfeld und die jetzige Lebenssituation – erfasst. Dies geschieht in einem offenen Gespräch zwischen Betroffenem und Psychiater. Dieses Gespräch kann je nach Situation unterschiedlich verlaufen. So kann der Psychiater es entweder vorziehen wenig zu fragen und das Kind, den Jugendlichen oder Erwachsenen frei erzählen zu lassen oder viele und genauere Fragen stellen. Je höher der Grad der geistigen Beeinträchtigung ist, umso wichtiger ist das Mitwirken von Bezugspersonen.

Auf der Grundlage all dieser Untersuchungen wird anschließend versucht, das Störungsbild zu erfassen und die Diagnose zu erstellen. Dies ist Voraussetzung für nachfolgende Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Therapie. Wichtig ist, dass beide Teilbereiche – die Symptome des Krankheitsbildes und die Lebensgeschichte der Person – genauer betrachtet und in die Diagnose einbezogen werden.

Häufig ist es so, dass zunächst vorsichtig eine Verdachtsdiagnose erstellt wird. Dies bedeutet, dass es Hinweise auf ein bestimmtes Störungsbild (eine bestimmte psychotische Krankheit) gibt, aber dieses erst im Laufe der darauffolgenden Zeit entweder bestätigt wird, oder durch neue Erkenntnisse ergänzt/angepasst wird. Wichtig ist auch, dass häufig klare Abgrenzungen zwischen Krankheitsbildern nicht exakt möglich sind, weshalb es zu Beschreibungen von Übergängen und Kombinationen von verschiedenen Erkrankungen kommen kann.

Schwierigkeiten beim Sprechen oder fehlende Lautsprache bei Betroffenen machen es aber mehr als sonst nötig, die Diagnose auf objektiv beobachtete Symptome zu stützen. Bei einer depressiven Episode können zum Beispiel psychomotorische Verlangsamung der Bewegung, Appetit- und Gewichtsverlust oder Schlafstörung auftreten.

Treten manche psychische Störungen gehäuft in Kombination mit geistiger Behinderung oder einer bestimmten Behinderung auf?

Insgesamt weisen Studien daraufhin, dass manche psychische Störungen gehäuft mit einer geistigen Behinderung auftreten. So sind Menschen mit geistiger Behinderung häufiger von Demenz – besonders des Alzheimer-Typs sowie Psychosen oder Depressionen betroffen. Weiterhin treten Bipolare affektive Störungen, sowie Zwangsstörungen häufiger auf. 

Wo finde ich Hilfe?

Um eine geeignete Therapie, oder in einem ersten Schritt Informationen über psychische Störungen bei Fachleuten zu finden, gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Für ganz Bayern ist die Kassenärztliche Vereinigung Bayern zuständig. Insbesondere die Koordinationsstelle Psychotherapie bietet eine Anlaufmöglichkeit für Betroffene und Angehörige. Mitarbeiter beraten bei der Suche geeigneter Psychotherapeuten für ein psychotherapeutisches Erstgespräch (Sprechstunde) zur diagnostischen Abklärung. Das ist vor allem ratsam, wenn noch nicht geklärt ist, ob eine Therapie notwendig ist. Anschließend kann aber auch erklärt werden, welche Therapieform geeignet wäre und Hilfe bei weiterführenden Schritten gegeben werden. 

Oftmals hilft auch der Austausch mit anderen Eltern, die ähnliche Erfahrungen mit ihrem Kind gemacht haben. 

Bei akuten Krisen und Suizidgefahr hilft der Krisendienst weiter. Unter diesem Link gelangst Du auf die Webseite der Krisendienste Bayern

Auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für seelische Gesundheit bei Menschen mit geistiger Behinderung e. V. gibt es eine Deutschlandkarte mit Anlaufstellen spezialisierter Angebote, insbesondere für Erwachsene mit geistiger Behinderung. Es gibt aber auch spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche - wie etwa die Klinik am Greinberg in Würzburg. 

Weiterführende Informationen
Beispiele für konkrete Adressen und Anlaufstellen
Quellenverzeichnis
  • Hennicke, Klaus (2007): Zur Einführung: Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen bei Menschen mit geistiger Behinderung. In: Hennicke, Klaus (Hrsg.) (2007): Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Möglichkeiten der Prävention. Dokumentation der Arbeitstagung der DGSGB am 10.11.2006 in Kassel. Berlin: Eigenverlag der DGSGB.
  • Dosen, Anton; Hennicke, Klaus; Rast, Karin (Hrsg.) (2010): Psychische Störungen, Verhaltensprobleme und intellektuelle Behinderung. Ein integrativer Ansatz für Kinder und Erwachsene.Göttingen: Hochgrefe.
  • Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung - Landesverband Bayern e.V. (Hrsg.) (2017): Wege zur Teilhabe - Herausforderndes Verhalten von Menschen mit geistiger Behinderung. Handreichung. Erlangen: Eigenverlage der Lebenshilfe.
  • Lingg, Albert; Theunissen, Georg (72017): Psychische Störungen und geistige Behinderungen. Ein Lehrbuch und Kompendium für die Praxis. Freiburg im Breisgau: Lambertus.
  • Sarimski, Klaus; Steinhausen, Hans-Christoph (2008): Psychische Störungen bei geistiger Behinderung. Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie. Göttingen: Hofgrefe.
  • Theunissen, Georg (2008): Geistige Behinderung und Lernbehinderung. Zwei inzwischen umstrittene Begriffe in der Diskussion. In: Geistige Behinderung 2/08, 47. Jahrgang.
Bildquellen
  • https://de.123rf.com/photo_124577685_helpless-parents-and-their-badly-behaving-son-at-home.html?vti=nq0vq6w3idx0l3oob7