Hyperkinetische Störungen bei Kindern mit geistiger Behinderung

Diagnosen

Hyperkinetische Störungen bei Kindern mit geistiger Behinderung

Stand: 22.01.2020

Hyperkinetische Störungen treten bei etwa 15 % der Kinder mit geistiger Behinderung auf und gehören damit zu den häufigsten psychischen Auffälligkeiten bei geistiger Behinderung. Du bist also nicht alleine – viele Kinder und Eltern haben ähnliche Probleme. Im Folgenden möchten wir dir Hilfen an die Hand geben und dir Kontaktdaten von wichtigen Ansprechpartnern zukommen lassen, damit ihr euren Alltag gut meistern könnt.


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Woran erkenne ich, ob mein Kind ADHS hat?

Hyperaktive Kinder und Jugendliche fallen in der Regel durch Probleme in drei Kernbereichen auf:

Motorische Unruhe

Die Kinder sind sehr ruhelos, besonders dann, wenn sie sich ruhig verhalten sollen. Dies macht sich vor allem in strukturierten Situationen wie z. B. in der Schule, im Kindergarten oder beim Mittagessen bemerkbar. Es fällt ihnen schwer, ruhig zu spielen. Sie laufen oder klettern permanent herum. An Aufforderungen still zu sein und sitzen zu bleiben, können sie sich nur kurze Zeit halten.

Kurze Aufmerksamkeitsspanne

Die Kinder brechen Aufgaben oder ein Spiel vorzeitig ab und beenden Tätigkeiten nicht. Sie wechseln häufig von einer Aktivität zur anderen, wobei sie anscheinend das Interesse an einer Aufgabe verlieren, weil sie durch Ablenkung auf etwas anderes aufmerksam werden. Dies wird vor allem bei Beschäftigungen beobachtet, die geistige Anstrengung erfordern. Tätigkeiten, die von anderen vorgegeben werden, werden von den Kindern häufiger unterbrochen als selbstgewählte Beschäftigungen.

Impulsivität

Hyperaktiven Kindern fällt es oft schwer, Gedanken oder Ideen in ihrem Kopf zu behalten, zu warten bis sie an der Reihe sind oder ihr Verhalten zu steuern. Sie platzen mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist, unterbrechen oder stören andere. Durch ihre Impulsivität folgen sie ihren Einfällen ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Dabei können sie sich in gefährliche Situationen begeben und haben häufiger Unfälle.

Jedes Kind ist irgendwann mal unruhig, unkonzentriert oder leicht ablenkbar. Eine hyperkinetische Störung liegt erst dann vor, wenn das Verhalten im Vergleich mit einem gleichaltrigen Kind gleicher Intelligenz extrem ausgeprägt ist und in verschiedenen Bereichen (z.B. zu Hause und in der Schule) auftritt. Es ist wichtig, zu wissen, dass dein Kind dieses Verhalten nicht zeigt, weil es sich zu wenig anstrengt, faul ist oder weil Du Erziehungsfehler gemacht hast, sondern weil es eine Krankheit hat, für die es Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Was sind die Ursachen?

Es gibt bis heute keine eindeutige Erklärung für die Entstehung von hyperkinetischen Störungen. Es wird aber davon ausgegangen, dass es sich um eine Veränderung der Funktionsweise des Gehirns handelt. Neben dieser Funktionsstörung beeinflussen die familiäre Situation und auch die Bedingungen in Schule oder Kindergarten das Ausmaß der Probleme und ihren Verlauf. Unter den klinischen Syndromen von geistiger Behinderung gibt es auch einige, bei denen Hyperaktivität zu den klassischen Symptomen zählt. Dazu gehören z.B. das Fragile-X-Syndrom oder die Alkoholembryopathie.

Wie sieht die Behandlung aus?

Die Behandlung von hyperkinetischen Störungen soll grundsätzlich da ansetzen, wo die Probleme auftreten, also beim Kind selbst, in der Familie oder in der Schule. Es ist also ein mehrdimensionaler Ansatz notwendig.

In der Regel beinhaltet die Behandlung fünf Ansatzpunkte:

  • die Beratung von Eltern, Lehrer und Kind,
  • Interventionen in der Familie,
  • Interventionen in Kindergarten oder Schule,
  • eine Verhaltenstherapie mit dem Kind sowie
  • eine medikamentöse Behandlung.
  • Die Beratung beinhaltet die Aufklärung und Informationsvermittlung zu hyperkinetischen Verhaltensauffälligkeiten sowie pädagogische Hilfestellungen.

Was kannst Du als Eltern tun?

Wenn dein Kind die Verhaltensauffälligkeiten in der Familie zeigt, ist es wichtig, etwas zu unternehmen und Veränderungen zu bewirken. Dies kannst Du entweder selbst in die Hand nehmen oder dir von einem Arzt oder Psychologen dabei helfen lassen. Für den Umgang mit deinem Kind gibt es ein paar Grundprinzipien, die Du beachten solltest.

Grundprinzipien:

  • Stärke die positive Beziehung zu deinem Kind!
  • Stelle klare Regeln auf!
  • Lobe dein Kind!
  • Sei konsequent!
  • Versuche Probleme vorherzusehen!

Durch die Probleme mit dem Kind ist die Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind häufig so sehr belastet, dass das Positive kaum noch erkannt wird und der Ärger überwiegt. Bemühe dich deshalb vermehrt auf das zu achten, was gut gelingt. Versuche deinem Kind häufig etwas Nettes zu sagen und ihm zu zeigen, worüber Du dich freust. Nimm dir immer wieder Zeit, mit deinem Kind zu spielen oder Aktivitäten durchzuführen, die ihr gemeinsam als angenehm erlebt. Regeln geben deinem Kind Halt, Orientierung und Sicherheit. Stelle wichtige Familienregeln auf, die konsequent angewandt werden. Achte darauf, dass es nicht zu viele Regeln sind und sorge dafür, dass sie eingehalten werden. 
Wenn dein Kind etwas gut gemacht hat und sich an die Regeln hält lobe es. Zusätzlich zum Lob bei Einhaltung der Regeln, kannst Du auf Regelverletzungen negative Konsequenzen folgen lassen. Dies müssen keine harten Strafen sein, viel wichtiger ist, dass die Konsequenzen immer und möglichst unmittelbar auf das Problemverhalten folgen. Gerade bei einem Kind mit geistiger Behinderung ist die zeitliche Nähe von Verhalten und folgender positiver oder negativer Konsequenz besonders wichtig, damit das Kind den Zusammenhang versteht. 
Als Elternteil weißt Du, welche Situationen mit deinem Kind häufig problematisch sind. Versuche vor solchen Situationen mit deinem Kind darüber zu sprechen und erinnere es an die Regeln für diese Situation. Du kannst mit ihm auch eine Belohnung vereinbaren, wenn es sich in an diese Regeln hält.

Was können Lehrer tun?

Lehrer haben oft ähnliche Probleme mit deinem Kind, besonders weil sie von ihm Verhalten einfordern müssen, das ihm besonders schwer fällt, nämlich über eine längere Zeit an seinem Platz sitzen zu bleiben. Auch für den Lehrer ist es wichtig, dass er eine positive Beziehung zum Kind hat. Daher sollte er beachten, dass er die positiven Aspekte des Verhaltens des Kindes nicht aus den Augen verliert und es lobt. Er sollte überprüfen, ob das Kind in der Klasse einen günstigen Sitzplatz hat. Am besten ist es, wenn dein Kind relativ weit vorne in der Klasse, nahe beim Lehrer sitzt. Der Tisch sollte möglichst nicht am Fenster stehen, da dies zu weiteren Ablenkungen des Kindes führen kann. Es erleichtert deinem Kind die Mitarbeit, wenn der Unterricht möglichst strukturiert verläuft und ausreichend Abwechslung bietet. Darüber hinaus ist es auch in der Schule von Bedeutung, klare Regeln aufzustellen und ihre Einhaltung konsequent zu überprüfen.
 

Können Psychotherapeuten helfen?

Wenn die Probleme deines Kindes sehr stark sind und Du mit eigenen Maßnahmen zur Verbesserung keinen Erfolg hattest, solltest Du die professionelle Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch nehmen. Dieser wird dann gemeinsam mit dir überlegen, wie man mit den Verhaltensproblemen deines Kindes besser umgehen kann. In dieser Therapie wird der Therapeut nicht nur mit deinem Kind arbeiten wollen, sondern er wird auch dich sehr intensiv in die Arbeit einbeziehen. Er wird mit dir und deinem Kind erarbeiten wie Du z.B. die oben genannten allgemeinen Prinzipien auf eure spezielle Situation und die speziellen Probleme anwenden kannst. Es gibt eine Reihe von Therapieprogrammen, die auf hyperkinetisches Verhalten spezialisiert sind. Leider sind diese Programme in der Regel für Kinder ohne eine geistige Behinderung entwickelt worden. Sie können jedoch an die speziellen Bedürfnisse eines Kindes mit geistiger Behinderung angepasst werden. Dabei sollten vom Therapeuten und dir mehrere Aspekte betrachtet werden. Die folgenden Prüffragen bezüglich des Therapieprogramms geben dazu Anleitung.

Prüffragen:

  • Sind die kognitiven Elemente des Programms für dein Kind geeignet?
  • Findet eine umfassende Diagnostik mit einer Verhaltensanalyse statt?
  • Wird der Erfolg der Therapie in regelmäßigen Abständen kontrolliert?
  • Können die Inhalte des Programms in sehr kleinen Schritten erarbeitet werden?
  • Ist das Programm für die kommunikativen Fähigkeiten deines Kindes geeignet?
  • Wird der Aufbau von erwünschtem Verhalten berücksichtigt?
  • Wird mit dir besprochen, wie die in der Therapie erlernten Verhaltensweisen auch in verschiedenen neuen Situationen angewendet werden können?
  • Werden die Belohnungen und das Lob sorgfältig, mit Rücksicht auf die Bedürfnisse deines Kindes, ausgewählt?

Zusätzlich zu diesen Fragen solltest Du folgende Punkte mit dem Therapeuten besprechen:

  • Wird ein Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit mit dir gelegt?
  • Wird ausreichend auf deine Wünsche und Vorstellungen eingegangen?
  • Fühlst Du dich für den Umgang mit deinem Kind gut angeleitet?

Können Medikamente helfen?

Eine medikamentöse Behandlung kann eine wichtige Ergänzung der anderen Behandlungsformen sein. Bei sehr stark hyperaktiven Kindern, können Medikamente sogar eine Voraussetzung für das Gelingen der anderen Ansätze sein. Das Medikament, das am häufigsten eingesetzt wird, heißt Ritalin. Es handelt sich dabei nicht, wie man annehmen könnte, um ein Beruhigungsmittel, sondern um ein Mittel mit anregender Wirkung. Es gehört in die Gruppe der Psychostimulanzien. Durch die Medikamente wird die Konzentrationsfähigkeit verbessert und das hyperkinetische und impulsive Verhalten des Kindes nimmt ab. Die Wirkung von Medikamenten hält allerdings nur so lange an, wie sie gegeben werden. Es sind also nach Absetzen des Medikaments keine Langzeitwirkungen zu erwarten, diese sind nur durch psychotherapeutische Maßnahmen zu erzielen. 
Grundsätzlich werden die Psychostimulanzien als gut verträglich eingestuft und auftretende Nebenwirkungen wie z. B Schlafstörungen und Appetitlosigkeit können meist gut reguliert werden. Dies gilt auch für Kinder mit geistiger Behinderung. Jedoch treten bei ihnen Nebenwirkungen möglicherweise stärker auf. Darüber hinaus kann es erforderlich sein, mit höheren Dosierungen als bei Kindern ohne geistige Behinderung zu arbeiten. Vielfach wird die Sorge geäußert, dass Kinder von Psychostimulanzien süchtig werden könnten. Es ist jedoch kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Kind, das wegen hyperkinetischen Verhaltens mit Ritalin behandelt wurde, davon abhängig geworden wäre.

Wo finde ich Hilfe?

In Deutschland findest Du mehrere hilfreiche Anlaufstellen, bei denen Du dich ausführlich über ADHS informieren kannst:

  • Das ADHS Infoportal stellt Dir zahlreiche Informationen rund um das Thema ADHS zur Verfügung. Diese sind spezifisch für die verschiedenen Zielgruppen aufbereitet (Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Pädagogen und Eltern).
  • Betrieben wird das ADHS Infoportal vom zentralen adhs-netz. Das zentrale adhs-netz ist ein bundesweites Netzwerk zur Verbesserung der Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörungen (ADHS).
  • Auf der Seite ADHS.de findest Du heilpädagogische Informationen zu ADHS bei Kindern und Erwachsenen.
  • ADHS Deutschland e.V. bietet Selbsthilfe für Menschen mit ADHS an.
  • Den ausführlichen Infoflyer der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zum Thema „adhs – … was bedeutet das?“ findest Du hier.
  • Die Arbeitsgemeinschaft ADHS informiert ebenfalls zu dem Thema und möchte Dir praktische Hilfen und Tipps an die Hand geben.
     

Eine weitere Anlaufstelle für Therapie und Förderung ist die Frühförderstelle oder das sozialpädiatrische Zentrum, deren Adressen der Kinderarzt vermitteln kann (für Bayern findest Du diese auch in unserer Datenbank). Dort werden dann gemeinsam mit Dir als Elternteil und einem Team aus Fachleuten passende Therapie- und Fördermöglichkeiten gefunden.

Fachleute können Dir hilfreiche Tipps und Tricks an die Hand geben, wie ihr euren Alltag so gestalten könnt, dass sich das Kind wohlfühlt und gut entwickelt.

Nimm hilfreiche Ratschläge an, aber traue dich auch, deiner eigenen elterlichen Intuition zu folgen, schließlich kennst Du dein Kind am besten.

Weiterführende Informationen
Quellenverzeichnis
  • Hässler, F. & Thome, J. (2012): Intelligenzminderung und ADHS. In: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 40 (2), 2012, 83–94.
  • Zentrales adhs-netz. (unbekannt). ADHS-Infoportal. Zugriff am 24.05.2018, von http://www.adhs.info/
Bildquellen