Sexualität

Jugend- und Erwachsenenalter

Sexualität

Stand: 05.02.2020

Sexualität ist etwas, was zum Leben dazu gehört. Auch Menschen mit Behinderung verspüren, wie jeder andere auch, Sehnsucht nach Liebe, Lust und Intimität. Leider war und ist dieses Thema bis heute noch in vielen Kreisen ein Tabu-Thema. Dieser Fachbeitrag soll das Tabu brechen und dir Einblick in die vielen Facetten dieses Themas geben.


https://de.fotolia.com/id/171787058

Entwicklung von Sexualität

Sexualität im Kindesalter

Untersuchungen haben ergeben, dass bereits während der Schwangerschaft die ungeborenen Kinder bereits sinnliche Erfahrungen machen, z. B. durch Lutschen am Daumen oder der Kontakt mit dem warmen Fruchtwasser. Direkt nach der Geburt erleben Säuglinge viele sogenannte Lustgewinne über den Mundraum. Dies geschieht durch das Stillen, durch den Schnuller und später durch die Wahrnehmung von Sachen, indem sie diese in den Mund stecken. Auch über die Haut werden durch z. B. Streicheln positive sinnliche Erfahrungen gemacht, jedoch auch negative wie Schmerzen.

Ab dem Zeitpunkt, an dem Säuglinge ihre Bewegungen steuern können, gehört die Erforschung des eigenen Körpers dazu. Das Erkunden und „Herumspielen“ an den  Genitalien empfinden bereits Kleinkinder als lustvoll und gehört zur sexuellen Entwicklung dazu. Diese, manchmal auch gegenseitigen Erfahrungen, sind ein wichtiger Bestandteil unserer Geschlechtsidentität und psycho-sexuellen Entwicklung.

Sexualität im beginnenden Jugendalter

Die Pubertät der eigenen Kinder ist für viele Eltern eine sehr herausfordernde Phase. Bei Mädchen stellt sich ab circa 10 Jahren der Hormonhaushalt um, bei Jungen etwas später. Die eigenen Kinder verändern sich körperlich und werden immer erwachsener. Innerlich befinden sie sich oft in einem Zwiespalt zwischen „erwachsen sein wollen“ und  dem Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit der Familie. Dies führt nicht selten zu Konflikten zwischen Eltern und Kindern. Auch das gegenseitige Interesse zwischen Männern und Frauen rückt nun vermehrt in den Vordergrund und ist für die sexuelle Entwicklung wichtig. So werden die ersten “Schmetterlinge im Bauch” losgelassen und der erste Kuss ist auch nicht mehr fern. Erste Beziehungen werden eingegangen, irgendwann möchten die Jugendlichen auch bei ihrem Partner oder ihrer Partnerin übernachten. All dies birgt auch Konflikte innerhalb der Familie. Die Jugendlichen machen einen riesigen Sprung in ihrer sexuellen Entwicklung. Mädchen werden zu Frauen und können eigene Kinder bekommen. Jungen werden zu Männern und können Kinder zeugen. Hiermit müssen die Jugendlichen umgehen lernen.  

Sexualität und Behinderung  

 

Aussagen wie “Sexualität? Hat mein Kind nicht.” sind bei Eltern von Kindern mit Behinderungen mittlerweile nicht mehr so häufig wie vor etwa 30 Jahren, aber es gibt sie weiterhin. Viele betroffene Eltern haben ihre Denkweise geändert, werden allerdings immer noch von gesellschaftlichen Meinungen beeinflusst. Und die allgemeinen Vorstellungen gehen heute leider noch meistens in die Richtung des “triebgesteuerten geistig Behinderten”, dem “asexuellen Wesen” oder dem “Lüstling”, der sich nicht unter Kontrolle hat.

Bildquelle: https://www.istockphoto.com/de/vektor/barrierefreie-symbol-gm507450661-45604780

Warum ist dieses Thema so schwierig? Ein kurzer Erklärungsansatz.

Bis zur heutigen Elterngeneration sind Menschen im Schnitt eher schlecht aufgeklärt worden. Damals holte man sich die Informationen aus dem Freundeskreis. Die meiste “Aufklärungsarbeit” geschieht auch heute noch durch Gleichgesinnte. Die Aufklärung in den Schulen ist eher funktional ausgerichtet und zu Hause “geduldet”, aber eher unbeliebt. So ist es bei Menschen mit und ohne Behinderung ein schwieriges Thema, das noch viel Zeit und Arbeit bedarf.

Auch bei Menschen mit Behinderungen ist die Aufklärungsarbeit meistens sehr schlecht. Erschwerend dazu kommt, dass einige Eltern ihr Kind gut behüten. Manchmal so gut, dass sie alle Dinge, die “Probleme” verursachen könnten, bewusst von ihren Kindern fernhalten. Dazu gehört auch immer wieder das Thema "Erwachsen werden", Sexualität und die damit verbundene Aufklärung. Diese Themen bedeuten für einige Eltern zusätzliche Probleme, die nicht sein müssen. Somit versuchen sie den Sexualtrieb und das Erwachsenwerden zu “verhindern”. Und dabei kommt es zu Problemen, die sich meistens schädigend auf die psychische Entwicklung des Kindes auswirken. Wie bereits erwähnt: Sexualität gehört zum Leben dazu und kann nicht vermieden werden. Man kann aber lernen richtig damit umzugehen.

Das Bild, welches viele Menschen mit Behinderung haben, kommt aus den Medien. Dies ist ein total irreführendes und falsches Bild. Die Sexualität in Fernsehen, Zeitschriften und Radio reduziert sich meist auf erotische Phantasien und Sexualität im Sinne von Geschlechtsverkehr. Zudem vermitteln die Medien sehr oft ein sexistisches und frauenfeindliches Bild. Also genau die falsche Art von Aufklärung.

Gute Aufklärung ist wichtig!  

Zuerst sollte man sich eingestehen, dass die Sexualität seines Kindes etwas ist, was auf jeden Fall auf einen zukommen wird. Auch die eigene Rolle als Aufklärer sollte man sich bewusst machen. Wenn einem das Thema unangenehm ist oder man nie richtig aufgeklärt worden ist, sollte man sich Hilfe holen oder jemand anderen aus der Familie die Aufklärung überlassen. Es gibt mittlerweile sehr viel Literatur über Aufklärungsarbeit und Sexualerziehung. Auch speziell für Mädchen und Jungen mit Behinderungen. Weiterhin gibt es Hilfs- und Beratungsstellen, bei denen man sich Rat holen kann.

Die Aufklärung von Kindern spielt eine wichtige Rolle. Man sollte sicherstellen, dass die Kinder rechtzeitig eine Antwort auf ihre Fragen bekommen. Das gilt für Kinder ohne und mit Behinderungen gleichermaßen.

In der heutigen Zeit findet zwar Aufklärung statt, meistens aber viel zu spät. Dies betrifft auch die Behindertenhilfe, also Schulen, Tagesstätten und Wohnheime. Aufklärung muss geschehen, bevor ein Kind erwachsen wird und sich aktiv für Dinge wie Liebe, Sex und Verhütung interessiert. Sprich offen mit deinem Kind und beantworte seine Fragen. Kinder fragen viel und interessieren sich ohne Scheu für Dinge im Leben, auch für die eigene Sexualität. Selbst wenn Du mal keine Antwort parat haben solltest, nimm dir die Zeit und recherchiere mit deinem Kind gemeinsam, beispielsweise  auf seriösen Seiten im Internet oder auch in der Bibliothek. Auch wenn Du dir unsicher bist, wie man richtig aufklärt und was die richtigen Themen sind, kannst Du dir bei Beratungsstellen Rat und Hilfe holen (z.B. bei ProFamilia). Diese Stellen haben oft Bücher, Material und Tipps, die Du dir mitnehmen kannst.  

Sexualbegleitung  

Es gibt inzwischen Möglichkeiten, dass Menschen mit Behinderung ebenfalls erotische und sinnliche Momente erleben können, ohne dass sie einen festen Partner haben. Sexualbegleiter sind Menschen, die den Menschen mit Behinderung eine Zeit von Erleben, Ausprobieren, Spüren, miteinander in Kontakt sein, Zärtlichkeit, Körperkontakt, Nähe und Nacktheit, vielleicht auch sexuelle Erfahrungen geben wollen. Konkret bedeutet das, dass der Klient einen Sexualbegleiter engagiert und bezahlt. Dieser kommt dann für eine Stunde zu dem Menschen mit Behinderung nach Hause oder ins Wohnheim und ist für diesen dann sozusagen „verfügbar“. Er legt sich ins Bett, streichelt den Klienten, lässt sich streicheln und berühren, gibt Zärtlichkeit und geht auf die Bedürfnisse des Menschen ein. Für die meisten gibt es in dieser Zeit nur wenige Grenzen. Für manche Sexualbegleiter ist ein Zungenkuss und Geschlechtsverkehr ausgeschlossen, bei anderen ist auch das möglich. Um den Unterschied zur Prostitution klarzumachen, spricht das Institut zur Selbstbestimmung Behinderter e.V. daher von einer „Surrogatpartnerschaft“, also einer Art Ersatzpartnerschaft, in der nicht die sexuelle Handlung im Mittelpunkt stehe, sondern die gemeinsam verbrachte Zeit. In der Doku „Die Berührerin“ erhälst Du einen sehr echten, lebensnahen und realistischen Einblick in die Arbeit einer Sexualbegleiterin.  

Zu weiterführenden Fragen bezüglich Wunsch nach Partnerschaft, Verhütung, Schwangerschaft etc. findest Du in dieser Broschüre einige gute Informationen.

Hier findest Du ein Interessantes Interview mit Raul Krauthausen – aus der Sicht eines Betroffenen.

Weiterführende Informationen
Quellenverzeichnis
Bildquellen
  • https://de.fotolia.com/id/171787058
  • https://www.istockphoto.com/de/vektor/barrierefreie-symbol-gm507450661-45604780