Nicht schweigen, wenn Menschenrechte und Teilhabe gefährdet sind
Die Entwicklungen in manchen Einrichtungen der Behindertenhilfe geben Anlass zu großer Sorge. Berichte über zunehmende Einschränkungen, fehlende individuelle Betreuung, mangelnde Teilhabe und einen wachsenden Personalmangel sollte von uns Angehörigen, gesetzlichen Betreuern, Aufsichtsbehörden und Politik ernst genommen und überprüft werden.
Gerade Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf können sich häufig nicht oder nur eingeschränkt selbst gegen Missstände zur Wehr setzen. Umso wichtiger ist es, dass wir aufmerksam bleiben, Beobachtungen dokumentieren und die Interessen der von uns betreuten Menschen konsequent vertreten.
Mir geht es dabei nicht darum, einzelne Träger oder Beschäftigte pauschal zu verurteilen. In vielen Einrichtungen leisten Mitarbeitende unter schwierigen Rahmenbedingungen wichtige und verantwortungsvolle Arbeit, werden aber am Ende sogar noch ausgenutzt. Problematischer wird es dort, wo strukturelle Schwierigkeiten dauerhaft zu Lasten der Bewohnerinnen und Bewohner gehen und berechtigte Beschwerden nicht ausreichend aufgegriffen werden.
Wir sollten auch die Arbeit der Heimaufsicht und anderer zuständiger Stellen kritischer in den Fokus nehmen. Wenn wir Angehörigen den Eindruck gewinnen, dass Beschwerden nicht ausreichend verfolgt werden, sollten wir dies konkret benennen, dokumentieren und die vorgesehenen Beschwerde- und Rechtswege nutzen. Ebenso wichtig ist dabei aber auch eine sachliche und nachvollziehbare Kommunikation zwischen Einrichtungen und uns Angehörigen und Betreuern sowie mit den Behörden.
Historische Erfahrungen zeigen uns sehr deutlich, wohin es führen kann, wenn Menschen mit Behinderungen gesellschaftlich ausgegrenzt, entmündigt oder als weniger schutzwürdig betrachtet werden. Auch wenn ein direkter Vergleich heutiger Zustände mit den Verbrechen des Nationalsozialismus nicht leichtfertig gezogen werden sollten, haben wir alle eine historische Verantwortung und diese besteht darin, Menschenwürde, Selbstbestimmung, Schutz und Teilhabe gerade für besonders verletzliche Menschen konsequent zu verteidigen. (Punkt!)
Wir Angehörigen dürfen uns deshalb nicht aus Angst vor Nachteilen zurückziehen. Wir haben als Angehörige und – soweit wir als gesetzliche Betreuer bestellt sind – in diesem Rahmen eine besondere Verantwortung, die Interessen der betreuten Person wahrzunehmen. Es ist unsere Pflicht! Dazu gehört auch, Probleme anzusprechen, wenn die Rechte oder das Wohl unserer betreuten Menschen möglicherweise beeinträchtigt werden.
Werden Leistungen reduziert oder verändert, sollte nachvollziehbar dargelegt werden, welche Auswirkungen dies auf die konkrete Person hat. Einsparungen dürfen nicht dazu führen, dass notwendige Unterstützung, Betreuung, Kommunikation, Pflege oder Teilhabe faktisch entfallen.
Deshalb eine große Bitte im Sinne unserer Angehörigen mit Hilfebedarf: Nicht alles hinnehmen. Nicht alles abnicken. Nicht aus Angst schweigen.
Beobachtungen sollten möglichst konkret festgehalten werden: Was ist passiert? Wann? Wie häufig? Welche Auswirkungen hatte es auf den betroffenen Menschen? Wurde das Problem bereits angesprochen und wie wurde darauf reagiert?
Auch im Rahmen der gesetzlichen Betreuung sollten relevante Entwicklungen und Probleme nicht einfach unerwähnt bleiben. Wo entsprechende Berichte gegenüber dem Betreuungsgericht erforderlich sind, sollten wesentliche Beobachtungen und bestehende Schwierigkeiten sachlich und wahrheitsgemäß dokumentiert werden.
Es geht nicht darum, Einrichtungen pauschal anzugreifen. Es geht darum, dafür einzustehen, dass Menschen mit Behinderungen auch dann ihre Würde, ihre Rechte und ihre Teilhabe behalten, wenn sie selbst nur eingeschränkt für diese Rechte eintreten können.
Schweigen schützt nicht zwangsläufig den Menschen, für den man Verantwortung trägt. Aufmerksames Hinsehen, sachliche Dokumentation und konsequentes Handeln können dagegen dazu beitragen, dass Probleme sichtbar werden und Veränderungen möglich sind. Noch ist es nicht zu spät, aber die Zeiten und auch die politische Landschaft ändern sich gerade.