Hallo Nina,
ich kann dir nur von meiner Erfahrung mit meinem geistig behinderten Kind mit Trisomie 21 berichten.
Hier wo ich wohne, gab es 2005 schon viele inklusiv arbeitende Grundschulen, für meine Kinder mit Asperger-Syndrom habe ich diese gewählt, obwohl auch dort die Bedingungen für Autisten bei weitem nicht ideal waren , weil auf einer Förderschule kein richtiger Schulabschluß möglich gewesen wäre und das bei zwei gut bis überdurchschnittlich begabten Kindern wirklich keine Option gewesen wäre und ihre ganze Zukunft blockiert hätte.
Ich kannte also schon die Schule und die dort herrschenden Bedingungen, wußte also auch wie oft Lehrer krank werden oder sonst ausfallen und doppelte Besetzungen oder extra Förderunterricht dann ausfallen, damit allgemeiner Unterrichtsausfall vermieden wird. Dazu wäre mein Kind in einer Klasse mit 23 Kindern mehr oder weniger “mitgelaufen”. Da klar war, dass für ihn Abitur kein Ziel sein würde, haben wir ihn auf der Förderschule in der Nähe eingeschult. Die Klassenstärke dort lag bei 8 bis maximal 10 Kindern (je nach Klassenzusammensetzung und den verschieden starken Beeinträchtigungen der Kinder). Es gab ein Schul(Therapie-)-Schwimmbad im Haus, Ergo- und Physiotherapeuten und Logopäden, eine Küche, die auch für den Unterricht genutzt werden konnte, viele Instrumente, Töpfer- und Malkurse, eine Gebärdenchor-AG, viele engagierte Menschen mit Spaß an ihrer Arbeit.
Das erste Jahr war trotzdem nicht befriedigend und unseres Erachtens “ verschenkt”, weil da noch viel Personal und Pädagogen der “alten Riege” anwesend war und diese der Meinung waren, alle Kinder müssten erst einmal lernen ruhig sitzen im Stuhlkreis zu üben sowie Tischmanieren. Das unser Kind schon einige Buchstaben kannte, diese auch schreiben und Worte wie Mama, Papa, Oma, Opa, seinen Namen und des Bruders lesen und schreiben konnte, wurde abgetan das sei kein richtiges Lesen, sondern in etwa so, wie man Leuchtreklame mit bekannten Marken wieder erkennt. Ob und in welchem Maß Kulturtechniken überhaupt einmal eine Rolle spielen würden wurde von dieser Gruppe offen in Frage gestellt.
Unser Kind war vorher in einem Integrativkindergarten und konnte daher seit Jahren das, was man meinte den Kindern erst einmal beibringen zu müssen. Er war teilweise wirklich unterfordert , zumindest was die Kulturtechniken betraf, sie fanden einfach nicht statt. Er hatte aber unheimlich viel Spaß mit den vielen kreativen und musischen Angeboten und einkaufen, backen und kochen hat ihm viele praktische Fähigkeiten vermittelt und seine Motorik und Entwicklung sehr gefördert. Das die Therapien in der Schule stattfinden konnten hat uns ebenfalls sehr entlastet, wir mussten ja noch mit dem jüngeren Geschwisterkind mehrere wöchentliche Therapietermine wahrnehmen.
Im zweiten Schuljahr gingen viele dieser Pädagogen in Rente, neue Lehrer kamen hinzu, es wurde umstrukturiert. Wurde der Klassenverband für bestimmte Inhalte beibehalten, so wurden die Gruppen für die klassischen “Lehrfächer” aufgelöst und die Kinder nach Fähigkeiten und Lehrstand, ohne auf das Alter zu achten zugeordnet. Er war also dann obwohl erst Zweitklässler teilweise in Gruppen mit viel älteren Kindern und konnte endlich lernen, weil individuell Aufgaben erteilt und gefördert wurde. Ab der dritten Klasse war er z.B. durchgehend mit Kindern der Abschlußgruppe im Deutschunterricht und in der AG der Schülerzeitung. Sehr gefehlt hat ein Angebot für Englisch. Das hat er sich teilweise dann mit seinem Einzelfallhelfer und mit uns privat erarbeitet.
Wir haben also in beiden Schularten Vorteile sowie Nachteile kennen gelernt für Kinder mit einer Behinderung. Die Sonderpädagogen in der Regelgrundschule waren überhaupt nicht glücklich, dass sie dort so oft nicht ihren eigentlichen Aufgaben nachgehen konnten sondern Lückenbüßer sein mussten. Die “normalen” Pädagogen fühlten sich auch oft nicht wirklich dafür zuständig, die Kinder mit extra Förderbedarf entsprechend in ihrem Unterricht zu berücksichtigen und ebenfalls zu differenzieren.
Insgesamt war uns wichtig, das unser geistig behindertes Kind viel Spaß in der Schule hatte und schlußendlich auch recht gut in den Kulturtechniken gefördert wurde. Was ihm ebenfalls erspart geblieben ist: die Trennung von nichtbehinderten Schulkameraden nach der 6. Klasse beim Übergang zur Oberschule, denn zumindest damals sind dann alle inklusiv beschulten (damals noch integrativ genannt) Kinder dann auf der Förderschule gelandet.
Liebe Grüße
amai