Liebe Kirsten,
dein Beitrag spricht mir aus der Seele. Ich möchte allerdings noch eine andere Seite der Situation in unseren Wohneinrichtungen ansprechen.
Ich bin Mutter und gesetzliche Betreuerin eines 40-jährigen Sohnes mit hohem Unterstützungsbedarf. Er lebt seit rund 20 Jahren in einer Einrichtung der Behindertenhilfe.
Wir sprechen immer wieder über fehlende Wohnplätze, über Personalmangel und steigende Kosten. Aber sprechen wir genügend darüber, was mit den Menschen geschieht, die bereits in diesen Einrichtungen leben?
Ein Wohnplatz bedeutet noch lange nicht, dass ein Mensch dort ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben führen kann.
Mein Sohn ist ein Mensch mit Humor, mit Freude, mit noch etwas eigenen Willen und mit Fähigkeiten, die erhalten und weiterentwickelt werden können. Er möchte kommunizieren, sich bewegen mit dem Rolli, dazulernen und am Leben teilnehmen.
Doch ich erlebe seit Jahren, wie schwierig es ist, eine wirklich individuelle Förderung und die selbstverständliche Nutzung seiner Kommunikationshilfen im Alltag sicherzustellen.
Was passiert mit einem Menschen, wenn seine vorhandenen Möglichkeiten nicht regelmäßig genutzt werden? Wenn er nicht ausreichend Gelegenheit bekommt, sich mitzuteilen, sich selbst zu bewegen und eigene Entscheidungen zu treffen?
Es geht nicht allein um Pflege und Versorgung. Es geht um Lebensqualität, um körperliche und geistige Entwicklung und um die Würde eines erwachsenen Menschen.
Ich frage mich inzwischen grundsätzlich, ob wir in der Behindertenhilfe nicht viel zu sehr über Plätze, Zuständigkeiten und Finanzierung sprechen und viel zu wenig über das tatsächliche Leben der Menschen hinter diesen Zahlen.
Deshalb beschäftige ich mich mittlerweile intensiv mit alternativen Wohn- und Assistenzformen und dem Persönlichen Budget.
Mich würde interessieren, ob andere Angehörige ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Wie wird in euren Einrichtungen sichergestellt, dass individuelle Teilhabeziele nicht nur auf dem Papier stehen, sondern tatsächlich im Alltag umgesetzt werden?
Denn unsere erwachsenen Kinder brauchen nicht einfach nur einen Platz zum Wohnen.
Sie brauchen ein Leben, das ihnen gehört.
Herzliche Grüße Uschi, Mutter eines erwachsenen Sohnes mit komplexer Behinderung