Diagnose Dysgrammatismus - und nun?

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Diagnose Dysgrammatismus - und nun?

Stand: 28.11.2019

Dysgrammatismus ist eine Sprachentwicklungsstörung, bei denen es Kindern schwer fällt, korrekte Sätze und Wörter zu bilden und die Grammatik normgerecht anzuwenden. Du erfährst in diesem Artikel, ob es bestimmte Ursachen für Dysgrammatismus gibt, wie Du angehende Symptome bei deinem Kind erkennen kannst und welche Therapiemöglichkeiten denkbar wären


Quelle: https://de.123rf.com/photo_103465369_cute-little-girl-reading-book-at-speech-therapist-office.html?term=child%2Blogopedist&vti=oepv0lwlxexa2qkt1c-1-27

Wie sieht eine normale Sprachentwicklung aus?


Wirft man einen Blick auf die Sprachentwicklung eines Kindes, so treten die ersten Sprachleistungen des Kindes gewöhnlich um oder nach Vollendung des 1. Lebensjahres auf. Bis dahin hat das Kind schon eine Reihe von Vorübungen wie z.B. Lallen, sinnloses Nachahmen und sprachloses Verstehen hinter sich, die ihm die Fähigkeit verleihen, mit dem eigentlichen Sprechen zu beginnen. Der Übergang zum Spontansprechen vollzieht sich ab Ende des 1. bis Anfang des 2. Lebensjahres. Um die Mitte des 2. Lebensjahres beginnt das Kind mit dem Sprechen von Mehrwortsätzen. Die ersten dieser Sätze bestehen zunächst nur aus zwei Gliedern, die in einem erkennbaren logischen Zusammenhang stehen. Wenn die Fähigkeit des Zusammensetzens und Hintereinander-Abrollens zweier Wörter einmal erworben ist, dann gibt es für die Verbindung mehrerer Glieder keine Schwierigkeiten mehr. Die Form der Sätze bleibt aber zunächst noch dysgrammatisch (grammatikalisch falsch). Die einzelnen Satzglieder haben keinen anderen Zusammenhang als den des „Nacheinander-Seins“. Gedanklich gehören sie aber zusammen. Durch die nun rasch ansteigende Wortanzahl wird es für das Kind immer schwieriger, die einzelnen Bestandteile seiner Rede in die richtige Ordnung zu bringen und den logischen Zusammenhang zu wahren. Das führt dazu, dass das Kind langsam bereit sein muss, die Wörter und Sätze differenzierter zu verwenden. Indirekte Fragesätze, Temporalsätze und Relativsätze machen den Anfang, gefolgt von der Bildung von Nebensätzen und Benutzung verschiedener Wortklassen, wie z.B. Adjektive, Adverbien, Pronomina etc. 
Zusammenfassend lässt sich feststellen: In der Sprachentwicklung des Kindes gibt es einen längeren Zeitraum, in dem das Kind dysgrammatisch spricht. Dieser beginnt mit dem ersten spontan gesprochenen Wort und endet mit dem Gebrauch aller vorhandenen Wortarten. Dieses Ziel soll vom Kind noch vor Abschluss des 3. Lebensjahres erreicht werden.

Was genau ist unter Dysgrammatismus zu verstehen?

Dysgrammatismus bedeutet wörtlich übersetzt soviel wie “schlechter Grammatismus” (Dys. = abweichend, übel, schlecht). Man versteht darunter die fehlerhafte Anwendung grammatikalischer Regeln bei der Bildung von Sätzen und der Beugung von Wörtern. Dies zeigt sich vor allem darin, dass die Kinder nur unvollständige Sätze und Wörter bilden und manche Satzteile einfach auslassen. Dazu kommen verdrehte Satzteile und eine falsche Verwendung von Artikeln, Fällen und Beugung. Er kann isoliert auftreten, ist aber häufig mit semantisch/lexikalischen oder artikulatorischen Auffälligkeiten gekoppelt. 

Beispiele:

  • “Ich Bub bin.”
  • “Ball Straße rollt.”
  • “Papa heim gekommt.”
  • ”...die Igels.”

Was sind Symptome von Dysgrammatismus? 

Das Hauptsymptom von Dysgrammatismus ist ein erheblich verzögerter und erschwerter Erwerb der Sprache. Häufig kommen noch andere Symptome, wie z.B. Konzentrations- und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten, Symptome der Hyperaktivität, eine eingeschränkte Merkspanne und Speicherfähigkeit sowie eine schwach entwickelte Redefreudigkeit dazu.

Wird Dysgrammatismus vermutet, muss sichergestellt werden, dass das Kind über eine durchschnittliche intellektuelle Leistungsfähigkeit, eine unauffällige hirnorganische Entwicklung und eine ausreichend periphere Hörfähigkeit verfügt. Trifft einer dieser Faktoren nicht zu, kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass den auffälligen Symptomen eine andere Ursache als Dysgrammatismus zugrunde liegt. 

Welche Formen gibt es? 

Je nach Schweregrad werden drei Formen des Dysgrammatismus unterschieden:

Unterste Stufe:
Auf der untersten Stufe können die Kinder Sätze weder von selbst bilden noch nachsprechen. Die zusammenhanglos aneinander gereihten Ausrufungsformen entsprechen den frühesten Stufen der normalen Sprachentwicklung. Die Sprache beschränkt sich meist auf Einwortsatz, wenn auch gelegentlich Aneinanderreihungen von zwei oder mehreren Wörtern vorkommen. Der Ausdruck ist oft noch sehr undeutlich.

Mittlere Stufe:
Auf der mittleren Stufe ist das Kind bereits imstande, kleine Sätze richtig oder mit nur geringen grammatikalischen Fehlern nachzusprechen. Der Gebrauch der Zeitwörter erfolgt ausschließlich in der Nennform. 

Dritte Stufe:
Die dritte Stufe ist dadurch gekennzeichnet, dass das Kind kurze Sätze fehlerlos nachspricht. Nur bei größeren Sätzen ist das Nachsprechen gestört. Die Spontansprache ist noch mit zahlreichen falschen Redewendungen durchsetzt, Wortverwechselungen und falscher Satzbau sind noch häufig.

Was sind Ursachen einer dysgrammatischen Störung? 

Die Ursachenfrage hinsichtlich des Dysgrammatismus ist bis heute noch weitgehend ungeklärt. Es gibt eine Fülle von hypothetischen Konstrukten und Konzepten, die erklären wollen, in welcher Weise sich kognitive, emotionale, sensorische, motorische und/oder sprachliche Defizite gegenseitig bedingen können. Manche behaupten, Dysgrammatismus sei Folge eines Defizits der auditiven Wahrnehmung oder Schwäche der auditiven Speichersysteme und rhythmisch-melodischen Fähigkeiten. Andere gehen davon aus, dass Dysgrammatismus Folge einer beeinträchtigten Entwicklung kognitiver Strukturen und Verarbeitungsstrategien sei. Letztlich sind bis heute aber alle Theorien nur Vermutungen, sodass nicht sicher gesagt werden kann, wodurch Dysgrammatismus hervorgerufen wird.

 Wie kann Dysgrammatismus diagnostiziert werden? 

Je früher die Störung erkannt wird, umso besser ist es. Als optimales Alter wird bereits drei Jahre angegeben. Damit erspart man dem Kind möglicherweise geistige und seelische Schäden und eine eventuelle Zurückstellung in der Schuleingangsphase. Eine Behandlung von Dysgrammatismus darf sich jedoch nicht nur auf den Sprachfehler an sich beschränken, sondern muss die ganze Persönlichkeit erfassen. Zur Feststellung von Dysgrammatismus werden einige Entwicklungsbereiche des Kindes, wie z.B. Sprache, aktiver Wortschatz, Grammatik, Merkfähigkeit, Wortbildung, Lernfähigkeit, Hörfähigkeit, intellektuelle Entwicklung oder das Spiel- und Sozialverhalten untersucht. Es wird darauf geachtet, dass alle Untersuchungen auf spielerische Art und Weise durchgeführt werden. 

Welche Fördermöglichkeiten gibt es? 

Sprachausbau
Im Fokus einer Therapie stehen vor allem Spiele und Übungen zum Worterwerb. Die dabei am häufigsten angewandte Methode ist das Nachsprechen und die Imitation von Sätzen. Das Problem ist, dass das Kind nur jene Sätze nachsprechen kann, die seinen grammatikalischen Fähigkeiten entsprechen. Deshalb versucht der Therapeut Sätze zu wählen, die kurz genug zum Merken sind und trotzdem lang genug, um das Kind herauszufordern und fördern zu können. So sollen Stück für Stück die Sprachfähigkeiten des Kindes ausgebaut und erweitert werden. Auch der Lehrer in der Schule sollte für das Kind ein nachahmenswertes Sprachmodell sein. Generell soll darauf geachtet werden, dass die Sprachförderung in die alltägliche Kommunikation integriert wird, um das Kind in natürlicher und indirekter Weise zu fördern. Ein alltägliches Beispiel wäre dafür zum Beispiel Folgendes: Das Kind zeigt eine Schachtel und sagt: “leer”. Der Lehrer antwortet darauf: “ja, die Schachtel ist leer”.

Wahrnehmungstraining
Dysgrammatiker weisen in akustischer, visueller und taktiler Hinsicht erhebliche Entwicklungsrückstände auf. Um diese zu beheben gibt es einige Trainingsvorschläge. Das Training der visuellen Perzeption, das sowohl das Frostig-Therapieprogramm, als auch das Montessori-Übungsprogramm beinhalten, eignet sich zum Einsatz in der Dysgrammtikbehandlung. Zusätzlich eignen sich die meisten Brettspiele, wie auch bildnerische Techniken. Das Training der auditiven Perzeption umfasst Übungen zur Differenzierung von Tonhöhe, Tonstärke, Tonrichtung und Klangfarbe (z. B. Orffinstrumente). Bei der Sprachgedächtnisübung werden die Gedächtnisspanne, das Wortfolgegedächtnis und das Gedächtnis für Betonung und Rhythmus geschult. Hauptschwerpunkt ist die Übertragung von Sprachbildern in verschiedene Sinnesbereiche. Dies geschieht mit Hilfe auditiver, akustischer und motorischer Gedächtnisübungen.

Bewegungserziehung und musikalisch-rhythmische Erziehung
Musik und Sprache haben Vieles gemeinsam. Die Bewegungserziehung dient der Sprachaktivierung. Mit Hilfe rhythmischer Unterstützung soll das Sprechen von Sätzen erreicht werden. Durch Einsatz von Körperinstrumenten (z. B. Tamburin) wird Sprache rhythmisiert, bis am Ende nur mehr das rhythmische Sprechen bleibt. Die Bewegung tritt immer mehr in den Hintergrund.

Sozialerziehung
Sprache ist Kommunikation und würde ohne Gemeinschaft ihre natürliche Motivation verlieren. Häufig haben Dysgrammatiker Kontaktschwierigkeiten, fühlen sich ungenügend oder haben Schwierigkeiten sich anzupassen. Durch Sozialübungen soll diesen Beeinträchtigungen entgegengewirkt werden.

 

Weiterführende Informationen
  • Informieren Sie sich bei einem Logopäden 
  • Fachbücher, z.B.
    • Kindlicher Grammatikerwerb und Dysgrammatismus (Silke Kruse, 2013)
    • Spracherwerb und Dysgrammatismus (Detlef Hansen, 2003)
  • Praktische Fördermöglichkeiten, z.B.
    • Verschiedene Hefte zur Therapie von Dysgrammatismus (Schubi-Verlag)
    • Dysgrammatismus (Marion Hermann-Röttgen)
Quellenverzeichnis
Bildquellen