Und wie geht es weiter?
Liebe Mitleser und Interessierte,
die Anhörung ist vorbei. Vielleicht hat der eine oder andere von euch auch die Anhörung live mitverfolgen können. Im Nachgang wurde nun auch ein Antrag aus den Kreisen von CSU und Freien Wählern auf die Einrichtung eines „Runden Tisches“ zum Thema gestellt. Wir werden dazu weiter berichten.
Ich möchte es aus meiner Sicht noch einmal kommentieren. Durch die Entwicklung in der Medizin und die Verbesserung der gesellschaftlichen Haltung gegenüber Menschen mit einer Behinderung, ist das ganze System der Behindertenhilfe im Wandel. Die Überlebensrate der Menschen mit einer bereits bei der Geburt, oder auch durch die Geburt entstandenen Behinderung steigt und es werden auch immer mehr Betroffene, die im Verlauf ihres Lebens eine sonderpädagogische Förderung brauchen. Durch diese Entwicklung haben Betroffene auch eine viel größere Chance älter zu werden. So stellt momentan eine ganze Generation alt gewordener Menschen mit Behinderung, die nun nach ihrer Arbeit in der Werkstatt ein Recht auf einen umsorgten Lebensabend haben, die Behindertenhilfe auf den Kopf. Das Durchschnittsalter in den Tagesförderstätten steigt, Fachbegriffe wie Hospizarbeit, Palliativ, etc. verlangen Gehör. Dabei reden wir noch gar nicht von den Menschen mit Autismusspektrumsstörung, oder auch emotionalen Entwicklungsstörungen und weiteren Verhaltensauffälligkeiten. Dann stehen da die jungen Menschen mit komplexer Behinderung mit ihren Eltern vor der Tür und die Frage nach dem wohin nach Beendigung der Schulpflicht, oder wie geht es nach der Schule weiter, taucht auf. Die Eltern wurden in der Begleitung ihres Kindes gut umsorgt und nun auf einmal fühlen sie sich allein gelassen. Kann das sein? Müssen sie das so einfach hinnehmen? Eine Antwort darauf findet sich zunehmend nicht mehr. Es fehlt an Wohnheimplätzen in den besonderen Wohnformen, Tagesförderstätten sind bis auf den letzten Platz belegt, die Wartelisten werden zusehends länger. Das zermürbt und man will es eigentlich nicht als Alltag akzeptieren. War man denn wirklich nicht auf diese Entwicklung vorbereitet? Was fehlt sind verlässliches Zahlenmaterial. Eigentlich gibt es diese Statistiken, denn Kinder mit Auffälligkeiten, die über die Eingliederungshilfe frühzeitig gefördert werden, sind doch registriert. In Bayern z.B. verfügen die verantwortlichen Stellen ganz sicher über Erfahrungswerte und Listen mit der Anzahl der Betroffenen, die im Laufe ihrer Entwicklung und Lebens bestimmte Bereiche später in Anspruch nehmen werden, bzw. auch müssen. Jetzt haben wir das Dilemma. Es fehlt an Einrichtungen und noch schlimmer, es fehlt an Personal.
Als Mutter eines noch minderjährigen Sohnes sah sich Frau Higgen nun mit dieser Ist-Situation konfrontiert und hat schlicht und einfach die Initiative ergriffen und „nachgefragt“! Vielleicht zur richtigen Zeit im richtigen Moment und damit ein Fass zum Überlaufen gebracht? Egal, wir ziehen alle an einem Strang und nur gemeinsam können wir eine Lobby für Menschen stärken, die eben ganz am unteren Ende der Gesellschafft im Schatten verankert sind. Vielleicht bringt nun diese Anhörung und mit der Lobbyarbeit im Nachgang endlich Licht in das Geschehen rund um die Versorgung von Menschen mit einem komplexen Behinderungsbild. Wir können uns das nur wünschen.
Uns ist am Bayerischen Untermain bewusst, dass es eine längere Warteliste gibt. Momentan warten auch hier sehr viele Eltern auf ein Entlastungsangebot und ihre Kinder gleichzeitig damit auf eine pädagogisch unterstützte Förderung, die Rahmen der Eingliederungshilfe in einer Tagesförderstätte im Anschluss an die Schule umgesetzt wird. Das Recht auf lebenslange Förderung wird mit der Eingliederungshilfe finanziert und wird auch Schülern die keine „verwertbare Arbeit“ mehr leisten können, oder noch nie konnten, in form der Finanzierung einer Tagesförderstätte zugestanden. Findet sich kein Platz, verbleiben sie im Elternhaus. Es gibt keinen gesetzlichen Anspruch auf einen Platz in einer Tagesförderstätte. Dass sich daran etwas ändert, dafür setzt sich Kathrin Higgen mit dem von ihr gegründeten Verein nun ebenfalls ein.
Interessierte können sich auf der Seite von dem Verein Zukunft Wohnen gerne umschauen und es gibt auch einen Newsletter. Bei Interesse einfach das Kontakt Formular ausfüllen. Vielleicht passt hier ein Zitat ganz gut dazu:
„Alle sagten: das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat`s einfach gemacht.“
Wir sitzen in einem Boot und drücken mal die Daumen.
Kirsten vom Team intakt.info