Diagnose Aphasie bei Kindern - und nun?

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Diagnose Aphasie bei Kindern - und nun?

Stand: 28.11.2019

In diesem Artikel wollen wir dir erklären was man unter Aphasie bei Kindern versteht, welche Folgen dies für dein Kind haben kann und welche therapeutischen Maßnahmen möglich sind. Falls es noch nicht lange her ist, dass Du diese Diagnose für dein Kind erhalten hast, empfehlen wir dir zu Beginn den „Fachbeitrag Erstmitteilung“ zu lesen, in dem Du wertvolle Informationen und Hinweise zu den ersten Schritten nach einer Diagnosemitteilung bekommst.


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Was ist das?  

Aphasie bei Kindern und Jugendlichen ist eine erworbene Sprachbehinderung, die infolge einer Schädigung des Gehirns durch Schädelhirntrauma, Schlaganfall, Tumor, entzündliche Erkrankungen (z.B. Hirnhautentzündungen) oder durch Unfälle im Straßenverkehr, Stürze bei Spiel und Sport oder als Folge körperlicher Gewalt in unterschiedlicher Ausprägung auftreten kann. Konkret bedeutet das, dass Sprachfunktionen, die bereits vorhanden waren, abgebaut werden oder verloren gehen. Das ist auch der wesentliche Unterschied zu Sprachentwicklungsstörungen, da kindliche Aphasien nach bzw. während eines zunächst normal verlaufenden Spracherwerbs eintreten und die Folge eines klar umschriebenen Ereignisses sind.

Jährlich erleiden in Deutschland etwa 3.000 Kinder und Jugendliche eine Aphasie. Allerdings geht man von einer weit höheren Betroffenenzahl aus, denn häufig handelt es sich bei den kindlichen Aphasien um ein nicht erkanntes bzw. wenig berücksichtigtes Phänomen.

Was ist typisch für diese Kinder?  

Die einzelnen Fälle von Aphasie bei Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich jedoch untereinander sehr stark voneinander, weshalb einheitliche Aussagen über das Erscheinungsbild der Aphasie bei Kindern schwierig zu treffen sind. Es gibt jedoch einige Besonderheiten, die häufig bei Kindern mit Aphasie erkennbar sind. 

  • Sprachliche Besonderheiten
    Aphasie im Kindes- und Jugendalter bedeutet im geringsten Fall eine zeitliche Beeinträchtigung der Sprachentwicklung. Im schlimmsten Fall sind sprachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten gar nicht vorhanden. Meist kann Sprache nur mit Mühe und nicht in der Qualität der Muttersprache erlernt werden und bleibt in der Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt. Besonders der Bereich der Schriftsprache ist vielfach und anhaltend betroffen. Häufig sind die Schreib- und Lesefähigkeit weit mehr beeinträchtigt als die gesprochene Sprache.
  • Kognitive Besonderheiten
    Eine Intelligenzminderung liegt bei einer Aphasie nicht vor. Aufgrund der erworbenen Hirnschädigung sind neben der Aphasie jedoch häufig Begleitsymptome wie Halbseitenlähmungen anzutreffen. Auch Epilepsien und Dysphagien (Schluckstörungen) können auftreten. Ist das Frontalhirn mitbetroffen, kommt es nicht selten zu Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen. Verhaltensauffälligkeiten, Aggressionen und in manchen Fällen auch Hyperaktivität werden besonders im schulischen Kontext beobachtet.
  • Körperliche Besonderheiten
    Oft treten visuelle und akustische Wahrnehmungsstörungen, Störungen in der Händigkeitsentwicklung und Störungen der Auge-Hand-Koordination bei Kindern mit Aphasie auf.
  • Psychosoziale Besonderheiten
    Gerade im psychosozialen Bereich kann die Aphasie Auswirkungen für das Kind und die Angehörigen haben. Wenn die Sprache nicht so funktioniert, wie das Kind das gerne will, ist das oft sehr frustrierend. Manchmal haben die Freunde dann vielleicht auch nicht so viel Verständnis und Geduld und ziehen sich langsam zurück. Das macht das Kind verständlicherweise sehr traurig und wütend. Viele Kinder werden deshalb als impulsiv oder ängstlich beschrieben. Umso wichtiger ist es, dem Kind Möglichkeiten zu geben, sich auszudrücken und ihnen das Gefühl zu vermitteln angenommen und geliebt zu sein.

Ist Aphasie bei Kindern heilbar?  

In Bezug auf die Genesung und die sprachlichen Fähigkeiten von Aphasien bei Kindern gilt, dass Prognose und Verlauf im Einzelfall sehr variieren. Die Hauptfaktoren, die am häufigsten im Zusammenhang mit der Genesung genannt werden, sind Art der Schädigung und Alter des Kindes zu Beginn der Beeinträchtigung. Trotz vieler Studien in diesem Bereich sind die langfristigen Entwicklungen von kindlichen Aphasien eher unklar. Heute kann für die Prognose bei kindlichen Aphasien festgehalten werden, dass sie im Vergleich zu Aphasien bei Erwachsenen als nicht mehr so gut angesehen werden, wie in der traditionellen Ansicht angenommen wurde. Faktoren wie Alter und Geschlecht werden keine so tragende Rolle zugeschrieben, als vielmehr der Art der Verursachung. Dennoch zeigen neuere Studien, dass auch bei lange bestehenden bzw. chronischen Aphasien gerade bei Kindern Genesungserfolge noch möglich sind.  

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?  

Bevor mit einer Therapie begonnen werden kann, ist es wichtig eine umfangreiche Diagnostik durchzuführen. Dadurch soll festgestellt werden, in welchen Bereichen dein Kind am meisten Hilfe benötigt. Im Rahmen einer Diagnose soll festgestellt werden über welche sprachlichen Fähigkeiten dein Kind derzeit verfügt und auf welchem sprachlichen Niveau es vor der Beeinträchtigung, dem Unfall etc. war. Für die Diagnoseerstellung helfen Informationen aus Schulzeugnissen, Elternfragebögen, Befunde und Informationen aus vorherigen Einrichtungen sowie Aussagen der Angehörigen. Darüber hinaus sollen die aktuellen Kommunikationsbedürfnisse und die Aufmerksamkeit, Gedächtnis- und Wahrnehmungsfunktionen des Kindes erfasst werden. Für jede Therapie ist es zudem sehr wichtig zu wissen, wo die Stärken deines Kindes liegen und was ihm Freude bereitet, um geeignete Ansatzpunkte und Methoden für eine gelungene Therapie finden zu können. Wurde eine Diagnose erstellt kann mit der Therapie begonnen werden. 

Wesentliche Therapieaufgaben sind die Wiederherstellung jener sprachlichen Fähigkeiten, über die das Kind vor der Schädigung verfügte. Grob gilt das achte Lebensjahr als die Zeit, in der die Sprachentwicklung abgeschlossen ist. Dennoch sind in diesem Alter sprachbezogene Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben noch recht frisch erworben und werden oftmals nicht sicher beherrscht. Der Erwerb weiterer sprachlicher Fähigkeiten wie z.B. Redewendungen kann bis zu einem Alter von 12-14 Jahren andauern. Man geht davon aus, dass die kindliche Spracherwerbskapazität durch die kindliche Aphasie nicht beeinträchtigt wird. Demnach genügt es nicht, wenn einmal vorhandene Fähigkeiten wiedererlernt werden. Somit steht neben der Wiedergewinnung bereits vorhandener Fähigkeiten bei Kindern auch die Stimulierung der Fähigkeit zum Neu-Lernen im Zentrum der Rehabilitation. Diese beiden zentralen Aspekte sind bei der Therapie von Kindern mit Aphasie von großer Bedeutung und auf jeden Fall zu berücksichtigen.

Viele neurologische Rehabilitationseinrichtungen bieten eigens auf Aphasie im Kindes- und Jugendalter spezialisierte Therapieprogramme an (z.B. Hegau Jugendwerk). Die Therapieeinheiten können dabei entweder in Einzel- oder in Gruppensitzungen erfolgen und werden meist stationär über mehrere Wochen durchgeführt.  

Ist die stationäre Rehabilitation abgeschlossen und findet die ambulante Therapie durch Logopäden oder Sprachtherapeuten in Wohnortnähe statt, ist darauf zu achten, dass die Therapeuten über Erfahrungen mit der Therapie aphasischer Kinder und Jugendlicher verfügen. Da es sich bei diesem Störungsbild um ein relativ unbekanntes handelt, ist das nicht immer gewährleistet. Ist dies der Fall, sollten Eltern bei der Suche eines geeigneten Logopäden/Sprachtherapeuten darauf achten, dass die jeweiligen Therapeuten zumindest sowohl im Bereich der Therapie kindlicher Sprachentwicklungsstörungen als auch der Aphasietherapie mit Erwachsenen über einschlägige Erfahrungen verfügen. 

Was kann ich tun?

  • Aphasie mit seinen vielfältigen Begleitsymptomen hat immer eine Veränderung des gesamten familiären Lebens zur Folge. Sehr wichtig für dich als Elternteil ist, dass Du deine Gefühle aufgrund der neuen, erschwerten Situation akzeptierst und nicht unterdrückst. Lass  bei Dir und deinem Kind auch mal negative Gefühle zu, denn dass Du und dein Kind sich unter Druck gesetzt fühlen endlich Fortschritte zu sehen ist selbstverständlich. Angst und Aggression können bei deinem Kind, aber ebenso auch bei Dir auftreten. Es hilft, darüber zu reden. Genehmige Dir auch eine Pause und entspann dich. Du bzw. die Familie ist der Angelpunkt, an dem sich dein Kind orientiert. Kinder spüren Veränderungen und Anspannungen, die sich dann auch negativ auf die Therapie auswirken können.
  • Lass dich nicht zu schnell entmutigen, wenn die Aphasie lange bestehen bleibt oder immer wieder Fähigkeiten verloren gehen, die bereits wieder erworben wurden. Je nach Tagesform schwanken die Fähigkeiten bei aphasischen Kindern. Auch zeigt sich, dass bei entsprechender Förderung auch noch nach langer Zeit in der sog. chronischen Phase Verbesserungen möglich sind. Eltern können fördern, indem sie spielerisches Handeln mit dem Kind sprachlich begleiten. Auch wenn dein Kind selbst nicht viel spricht, solltest Du möglichst viel mit ihm kommunizieren, aber eine Überanstrengung vermeiden.
    Ganz wichtig ist auch, dass Du dir und anderen klarmachst, dass eine Sprachbehinderung wie Aphasie keine Denkstörung ist! Auch wenn sich dein Kind eventuell nicht altersgemäß sprachlich ausdrücken oder mitteilen kann, so heißt das nicht, dass es – vorausgesetzt es liegt keine Sprachverständnisstörung vor – nicht versteht, was Du ihm sagst. Im Gegenteil: Intelligenz und Denken sind bei einer Aphasie nicht betroffen!
  • Bei der Beschulung, aber auch im Alltag solltest Du darauf achten, dass sowohl Über- als auch Unterforderung zu Verhaltensauffälligkeiten bei deinem Kind führen kann. Lass dich durch das ungewohnte Verhalten deines Kindes nicht entmutigen und suche gemeinsam mit deinem Kind und der Unterstützung von Fachleuten nach dem richtigen Förderlevel. Es konnte gezeigt werden, dass bei Kindern die Verhaltensauffälligkeiten zurückgehen, wenn ihnen alternative Kommunikationswege möglich gemacht werden.
  • Außerdem solltest Du zum Wohle deines Kindes nicht nach dem Prinzip „Regelschule um jeden Preis“ sondern „die bestmögliche Beschulung für mein Kind“ agieren. In manchen Fällen kann das auch eine Förderschule sein. Schulen für geistig behinderte Kinder und Jugendliche sind aber auf keinen Fall die richtigen Ansprechpartner. Wie bereits beschrieben zeigt die Erfahrung, dass Schulen für körperlich beeinträchtigte Kinder die besten Ansprechpartner sind, vorausgesetzt die sprachliche Förderung kommt dabei nicht zu kurz. Die Schulentscheidung sollte aber individuell mit der Unterstützung von Fachleuten entschieden werden und sich an den Fähigkeiten deines Kindes orientieren.
Weiterführende Informationen
Quellenverzeichnis
  • Forum ZNS: Hilfen für Kinder mit Aphasie. ZNS – Hannelore Kohl Stiftung. Forum ZNS, Ausgabe 2/2007, S.1f.
  • Mhplusdu. Das Info-Magazin Ihrer Krankenkasse: Sprachlos. Hilfen für Kinder mit Aphasie. 4/2007, S.16-18
  • Neuronal- das Journal für den Neurologischen Patienten: Modellprojekt „Beschulung aphasischer Kinder“. Ausgabe 3/2007, S.24-25
  • Loew, M./Böhringer, K.: Kindliche Aphasie. Beiträge zur neurologischen Rehabilitation von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Schriftenreihe Jugendwerk. Gailingen 2002
  • Rother, A.: Kindliche Aphasien. In: LOGOS Interdisziplinär 2/2005, S.90-92
  • Spencer, P.G.: Kindliche Aphasie – Hintergründe und Praxis. NOT 3/2006, S.24-26
  • https://aphasiker.de/aphasie/
Bildquellen
  • https://de.123rf.com/photo_95521676_confused-boy-thinking-with-question-mark-on-sticky-note-on-forehead-.html
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