Diagnose Aphasie bei Kindern - und nun?

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Diagnose Aphasie bei Kindern - und nun?

Stand: 20.05.2021

Vielleicht bist Du hier gelandet, weil dein Kind die Diagnose Aphasie erhalten hat. Vielleicht suchst Du auch einfach nach Informationen zu diesem Thema. Im Folgenden erhältst Du einen ersten Überblick und bekommst einige hilfreiche Informationen. Auch wenn jedes Kind ganz unterschiedlich ist, gibt es Merkmale, die bei der Diagnose typisch sind. Außerdem bekommst Du ein paar Tipps, wie Du dein Kind unterstützen kannst. Falls es noch nicht lange her ist, dass Du diese Diagnose für dein Kind erhalten hast, empfehlen wir dir zu Beginn den Fachbeitrag "Diagnose Erstmitteilung - vom Suchen und Finden“ zu lesen. In diesem bekommst Du wertvolle Informationen und Hinweise zu den ersten Schritten nach einer Diagnosemitteilung.


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Was ist das?  

Aphasie bei Kindern und Jugendlichen bedeutet einen teilweise, aber manchmal auch vollständigen Verlust von bereits erworbener sprachlicher Fähigkeiten in Folge einer Schädigung des Gehirns (z. B. durch Schädelhirntrauma, entzündliche Erkrankungen, Schlaganfall oder Unfälle).

Eine Aphasie ist eine sogenannte erworbene Sprachbehinderung. Diese kann in unterschiedlicher Ausprägung auftreten.
 
Konkret bedeutet das, dass Sprachfunktionen, die bereits vorhanden waren, abgebaut werden oder verloren gehen. Das unterscheidet eine Aphasie auch von Sprachentwicklungsstörungen. Kindliche Aphasien treten erst nach bzw. während eines zunächst normal verlaufenden Spracherwerbs ein und sind die Folge eines klar umschriebenen Ereignisses.

Jährlich sind in Deutschland etwa 3.000 Kinder und Jugendliche von Aphasie betroffen. Man geht aber aufgrund von nicht erkannten Fällen von einer weit höheren Betroffenenzahl aus, denn häufig handelt es sich bei den kindlichen Aphasien um ein nicht erkanntes bzw. wenig berücksichtigtes Phänomen.

Was sind typische Merkmale?

Die einzelnen Fälle von Aphasie bei Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich untereinander sehr stark voneinander, weshalb einheitliche Aussagen über das Erscheinungsbild der Aphasie bei Kindern schwierig zu treffen sind.

Es gibt jedoch einige Merkmale, die häufig bei Kindern mit Aphasie erkennbar sind:

  • Sprachlicher Bereich
    Aphasie im Kindes- und Jugendalter kann eine zeitliche Beeinträchtigung der Sprachentwicklung bedeuten, aber auch, dass sprachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten gar nicht vorhanden sind. Meist kann Sprache nur mit Mühe und nicht in der Qualität der Muttersprache erlernt werden und das Kind bleibt in der Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt. Besonders der Bereich der Schriftsprache ist vielfach und anhaltend betroffen. Häufig sind die Schreib- und Lesefähigkeit weit mehr beeinträchtigt als die gesprochene Sprache.
     
  • Kognitiver Bereich
    Eine Intelligenzminderung liegt bei einer Aphasie nicht vor. Aufgrund der erworbenen Hirnschädigung sind neben der Aphasie jedoch häufig Begleitsymptome wie Halbseitenlähmungen möglich. Auch Epilepsien und Dysphagien (Schluckstörungen) können auftreten. Ist das Frontalhirn mit betroffen, kann es zu Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen kommen. Verhaltensauffälligkeiten, Aggressionen und in manchen Fällen auch Hyperaktivität werden besonders im schulischen Kontext beobachtet.
     
  • Körperlicher Bereich
    Oft treten visuelle und akustische Wahrnehmungsstörungen, Störungen in der Händigkeitsentwicklung und Störungen der Auge-Hand-Koordination bei Kindern mit Aphasie auf.
     
  • Psychosozialer Bereich
    Gerade im psychosozialen Bereich kann die Aphasie Auswirkungen für das Kind und die Angehörigen haben. Wenn die Sprache nicht so funktioniert, wie es das Kind eigentlich gerne möchte, kann das sehr frustrierend sein. Manchmal haben die Freunde dann vielleicht auch nicht so viel Verständnis und Geduld und ziehen sich langsam zurück. Das macht das Kind verständlicherweise sehr traurig und wütend. Viele Kinder werden deshalb als impulsiv oder ängstlich beschrieben. Umso wichtiger ist es, dem Kind spezielle Möglichkeiten zu geben, sich auszudrücken und ihm das Gefühl zu vermitteln angenommen und geliebt zu sein.

Ist Aphasie bei Kindern heilbar?  

In Bezug auf die Genesung und die sprachlichen Fähigkeiten von Aphasien bei Kindern gilt, dass Prognose und Verlauf im Einzelfall sehr variieren. Die Hauptfaktoren, die am häufigsten im Zusammenhang mit der Genesung genannt werden, sind Art der Schädigung und Alter des Kindes zu Beginn der Beeinträchtigung. Trotz vieler Studien in diesem Bereich sind die langfristigen Entwicklungen von kindlichen Aphasien eher unklar.

Heute kann für die Prognose bei kindlichen Aphasien festgehalten werden, dass sie im Vergleich zu Aphasien bei Erwachsenen als nicht mehr so gut angesehen werden, wie in der traditionellen Ansicht angenommen wurde. 
Für eine Prognose werden Faktoren wie Alter und Geschlecht keine so tragende Rolle zugeschrieben, als vielmehr der Art der Verursachung. Dennoch zeigen neuere Studien, dass auch bei lange bestehenden bzw. chronischen Aphasien gerade bei Kindern Genesungserfolge noch möglich sind. 

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?  

Bevor mit einer Therapie begonnen werden kann, ist es wichtig eine umfangreiche Diagnostik durchzuführen. Dadurch wird festgestellt, in welchen Bereichen das Kind am meisten Unterstützung benötigt. Im Rahmen einer Diagnose soll festgestellt werden über welche sprachlichen Fähigkeiten das Kind derzeit verfügt und auf welchem sprachlichen Niveau es vor der Beeinträchtigung war. Für die Diagnoseerstellung helfen Informationen aus Schulzeugnissen, Elternfragebögen, Befunde und Informationen aus vorherigen Einrichtungen sowie Aussagen von Angehörigen.

Darüber hinaus werden die aktuellen Kommunikationsbedürfnisse und die Aufmerksamkeit, Gedächtnis- und Wahrnehmungsfunktionen des Kindes erfasst. Für jede Therapie ist es zudem sehr wichtig zu wissen, wo die Stärken deines Kindes liegen und was ihm Freude bereitet, um geeignete Ansatzpunkte und Methoden für eine gelungene Therapie finden zu können. Wurde eine Diagnose erstellt kann mit der gezielten Therapie begonnen werden. Diese hat immer das Ziel, die Kommunikation zu verbessern.

Wesentliche Therapieaufgaben sind die Wiederherstellung jener sprachlichen Fähigkeiten, über die das Kind vor der Schädigung verfügte. Grob gilt das achte Lebensjahr als die Zeit, in der die Sprachentwicklung abgeschlossen ist. Dennoch sind in diesem Alter sprachbezogene Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben noch recht frisch erworben und werden oftmals nicht sicher beherrscht. Der Erwerb weiterer sprachlicher Fähigkeiten wie z. B. Redewendungen kann bis zu einem Alter von 12-14 Jahren andauern. 

Somit steht neben der Wiedergewinnung bereits vorhandener Fähigkeiten bei Kindern auch die Stimulierung der Fähigkeit zum Neu-Lernen im Zentrum der Rehabilitation. Diese beiden zentralen Aspekte sind bei der Therapie von Kindern mit Aphasie von großer Bedeutung und auf jeden Fall zu berücksichtigen. 

Viele neurologische Rehabilitationseinrichtungen bieten eigens auf Aphasie im Kindes- und Jugendalter spezialisierte Therapieprogramme an (z. B. Hegau Jugendwerk). Die Therapieeinheiten können dabei entweder in Einzel- oder in Gruppensitzungen erfolgen und werden meist stationär über mehrere Wochen durchgeführt.  

Ist die stationäre Rehabilitation abgeschlossen und findet die ambulante Therapie durch Logopäden oder Sprachtherapeuten in Wohnortnähe statt, ist darauf zu achten, dass die Therapeuten über Erfahrungen mit der Therapie aphasischer Kinder und Jugendlicher verfügen. Da es sich bei diesem Störungsbild um ein relativ unbekanntes handelt, ist das nicht immer gewährleistet. Ist dies der Fall, sollten Eltern bei der Suche eines geeigneten Logopäden/Sprachtherapeuten darauf achten, dass die jeweiligen Therapeuten zumindest sowohl im Bereich der Therapie kindlicher Sprachentwicklungsstörungen als auch der Aphasietherapie mit Erwachsenen über einschlägige Erfahrungen verfügen. 

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Wie können Eltern unterstützen?

  • Aphasie mit seinen vielfältigen Begleitsymptomen hat in der Regel immer eine Veränderung des gesamten familiären Lebens zur Folge. Sehr wichtig für dich als Elternteil ist, dass Du deine Gefühle aufgrund der neuen Situation akzeptierst und nicht unterdrückst. Lass bei dir und deinem Kind auch mal negative Gefühle zu. Es ist selbstverständlich, dass sowohl Du als Elternteil als auch dein Kind sich unter Druck gesetzt fühlen können, weil man endlich Fortschritte sehen möchte. Angst und Aggression können bei deinem Kind, aber ebenso auch bei dir auftreten. Oftmals hilft es, offen darüber zu reden.
    Genehmige dir auch Pausen. Du bzw. die Familie ist der Angelpunkt, an dem sich dein Kind orientiert. Kinder spüren Veränderungen und Anspannungen, die sich auch negativ auf die Therapie auswirken können.
     
  • Lasse dich nicht zu schnell entmutigen, wenn die Aphasie lange bestehen bleibt oder immer wieder Fähigkeiten verloren gehen, die bereits wieder erworben wurden. Je nach Tagesform schwanken die Fähigkeiten bei aphasischen Kindern. Auch zeigt sich, dass bei entsprechender Förderung auch noch nach langer Zeit in der sogenannten chronischen Phase Verbesserungen möglich sind. Eltern können fördern, indem sie spielerisches Handeln mit dem Kind sprachlich begleiten. Auch wenn dein Kind selbst nicht viel spricht, solltest Du möglichst viel mit ihm kommunizieren, aber eine Überanstrengung vermeiden.
    Ganz wichtig ist auch, dass Du dir und anderen klar machst, dass dein Kind sich vielleicht nicht altersgemäß sprachlich ausdrücken oder mitteilen, aber sein Gegenüber gut verstehen kann. Aphasie betrifft erst mal nicht die kognitiven Fähigkeiten. Vorausgesetzt es liegt keine Sprachverständnisstörung vor.
     
  • Im Alltag und in der Schule ist es wichtig darauf zu achten, dass sowohl Über- als auch Unterforderung zu Verhaltensauffälligkeiten führen kann. Lass dich durch das ungewohnte Verhalten deines Kindes nicht entmutigen und suche gemeinsam mit deinem Kind und der Unterstützung von Fachleuten nach dem richtigen Förderlevel. Es konnte gezeigt werden, dass bei Kindern Verhaltensauffälligkeiten zurückgehen, wenn ihnen alternative Kommunikationswege ermöglicht werden/angeboten werden.
     
  • Suche nach der bestmöglichen Schule für dein Kind. Das kann eine Regelschule, aber auch in manchen Fällen eine Förderschule sein. Die Schulentscheidung sollte individuell mit der Unterstützung von Fachleuten getroffen werden und sich an den Fähigkeiten deines Kindes orientieren.
Weiterführende Informationen
Quellenverzeichnis
  • Forum ZNS: Hilfen für Kinder mit Aphasie. ZNS – Hannelore Kohl Stiftung. Forum ZNS, Ausgabe 2/2007, S.1f.
  • Loew, M./Böhringer, K.: Kindliche Aphasie. Beiträge zur neurologischen Rehabilitation von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Schriftenreihe Jugendwerk. Gailingen 2002
  • Mhplusdu. Das Info-Magazin Ihrer Krankenkasse: Sprachlos. Hilfen für Kinder mit Aphasie. 4/2007, S.16-18
  • Neuronal- das Journal für den Neurologischen Patienten: Modellprojekt „Beschulung aphasischer Kinder“. Ausgabe 3/2007, S.24-25
  • Rother, A.: Kindliche Aphasien. In: LOGOS Interdisziplinär 2/2005, S.90-92
  • Spencer, P.G.: Kindliche Aphasie – Hintergründe und Praxis. NOT 3/2006, S.24-26
  • https://aphasiker.de/aphasie/
  • http://www.intakt.info/informationen-und-recht/diagnose-behindert/aphasie-bei-kindern/
Bildquellen
  • https://de.123rf.com/photo_91289281_speech-therapy-exercises.html?vti=lcalgq0v367kdt3466-1-64
  • https://de.123rf.com/photo_40330428_boy-zeigt-tag-aktivit%C3%A4ten-karten.html