Diagnose Autismus - und nun?

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Diagnose Autismus - und nun?

Stand: 19.12.2019

In diesem Artikel möchten wir dir ein paar Antworten auf diese Frage geben. Zunächst wird aus fachlicher Sicht erklärt, welche Besonderheiten Menschen mit Autismus haben können und was man dabei beachten sollte. Außerdem haben wir für dich einige Links zusammengestellt, auf denen Du weitere Informationen und Unterstützung findest. Falls es noch nicht lange her ist, dass Du diese Diagnose für dein Kind erhalten hast, empfehlen wir dir zu Beginn den Fachbeitrag "Diagnose Erstmitteilung - vom Suchen und Finden" zu lesen, in dem Du wertvolle Informationen und Hinweise zu den ersten Schritten nach einer Diagnosemitteilung bekommst.


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Autismus – Was ist das? 

Der Begriff „Autismus“ beinhaltet die griechischen Wörter autos (selbst) und ismos (Zustand, Orientierung). Die Zusammenführung dieser beiden Wörter kann somit eine „Orientierung an sich selbst“ oder einen „Rückzug in das eigene Ich“ beschreiben. Der Begriff wird verwendet um eine komplexe und vielseitige neurologische Entwicklungsstörung zu bezeichnen. Da inzwischen so viele unterschiedliche Formen von Autismus diagnostiziert werden, spricht man heutzutage meist von einer „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS). Autismus galt lange Zeit als eher seltene Störung. Neuere Untersuchungen ergaben jedoch, dass die Häufigkeit von Autismus weit höher liegt, als bisher gedacht. Es lässt sich jedoch nicht genau feststellen wie viele Menschen es derzeit mit ASS in Deutschland gibt, da es sich bei den vorhandenen Zahlen meist nur um Schätzungen oder Daten aus dem Ausland handelt. Im Jahre 2008 wurde im Rahmen einer Studie in Amerika herausgefunden, dass ca. 1% der Kinder mit ASS diagnostiziert sind. Inwiefern sich diese Daten aber auf Deutschland übertragen lassen ist unklar.

Woher kommt das?

Warum es überhaupt zu einer autistischen Störung kommt ist bis heute noch nicht vollständig erforscht. Früher hat man sogar geglaubt, dass Autismus an einer gefühlskalten Mutter liegt. Heute weiß man, dass das falsch ist und solche Sorgen nur unnötig belasten. Inzwischen ist man der Ansicht, dass die Entwicklung einer ASS genetische Gründe hat und sogar unter den kinderpsychiatrischen Störungen als die mit dem stärksten genetischen Einfluss zählt. Anders als z.B. beim Down-Syndrom gibt es jedoch nicht nur ein Gen, welches für den Autismus ausschlaggebend ist. Es ist eine Reihe von vielen verschiedenen, komplexen Genen, die eine Rolle spielen. Neben den genetischen Einflüssen spielen auch die biologischen Faktoren eine Rolle. Ein biologischer Risikofaktor ist zum Beispiel eine Infektion der Mutter in der Schwangerschaft oder die Einnahme von bestimmten Medikamenten während der Schwangerschaft, wie zum Beispiel Antiepileptika oder Antidepressiva. Auf der Seite embryotox.de kann nachgelesen werden welche Medikamente in der Schwangerschaft schädlich sein können. Zudem können auch Komplikationen während der Geburt, wie z.B. Sauerstoffmangel oder Blutungen im Gehirn des Kindes zu einer ASS führen. Zum jetzigen Forschungsstand lässt sich jedoch keine hundertprozentige Aussage über die genaue Ursache von Autismus treffen. 

Wie wird Autismus unterteilt? 

Im Klassifikationssystem der ICD-10 werden die Autismus-Spektrum-Störungen den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zugeordnet. Diese sind im fünften Kapitel „Psychische und Verhaltensstörungen“ unter den Entwicklungsstörungen in F80-F89 eingegliedert. Unter F84 werden die tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zunächst als eine Gruppe von Störungen, die durch „qualitative Beeinträchtigungen in den wechselseitigen sozialen Interaktionen und Kommunikationsmuster und durch ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten“ definiert. Diese etwas komplizierte Formulierung wird gleich noch genauer erklärt werden. In der ICD-10 wird das ganze Autismus-Spektrum wie folgt unterteilt: frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Rett-Syndrom, andere desintegrative Störung des Kindesalters, hyperkinetische Störung mit Intelligenzminderung und Bewegungsstereotypien und zuletzt das Asperger Syndrom.

Die detaillierten Diagnosekriterien kannst Du hier nachlesen.

Was ist typisch für diese Kinder? 

Menschen mit ASS haben einige auffällige Verhaltensmerkmale und besondere Formen der Wahrnehmung. Generell lassen sich Besonderheiten in folgenden drei Bereichen feststellen: Soziale Interaktion mit Mitmenschen, Kommunikation und wiederholende und stereotype Verhaltensweisen.

Soziale Interaktion 

Bei Menschen mit ASS ist die Art und Weise, wie sie auf ihre Mitmenschen zugehen, eine Beziehung aufbauen oder erhalten wollen sehr verändert. Sie sind oft nicht dazu fähig, Blickkontakt, Körperhaltung, Mimik oder Gestik bei Gesprächen anzuwenden. Dies erschwert die Kontaktaufnahme zu Gleichaltrigen und führt häufig dazu, dass sich ein Beziehungsaufbau zu anderen Menschen als schwierig herausstellt. Das Theory-of-Mind Konzept besagt, dass man in gewissem Maße nachvollziehen kann, was in dem Anderen vor sich geht. Dies ist bei Menschen mit ASS eingeschränkt, was dazu führt, dass diese sich schwer in andere Menschen hineinversetzen können und deren Gedanken, Gefühle und Ideen oft nicht nachvollziehen können. Bereits im Säuglingsalter können erste Anzeichen von eingeschränkten sozialen Fähigkeiten gefunden werden. Im Alter von acht Monaten reagiert ein Kind normalerweise mit einem Lächeln auf das Gesicht seiner Eltern. Kinder mit ASS dagegen nehmen sehr selten Kontakt mit ihren Eltern auf, schauen diesen nicht in die Augen und lehnen Berührungen oft komplett ab. Auffällig ist auch, dass diese Kinder schon im frühen Alter mehr Interesse an unbelebten Gegenständen, wie z.B. Mobile oder Lichtschalter zeigen, als an Menschen. Die Kontaktaufnahme zu anderen Menschen bleibt oft gänzlich aus. Bei erwachsenen Menschen mit ASS, die über eine verbale Sprache verfügen, sind Gespräche meist nur Mittel und Zweck der Informationsweitergabe. Bei Menschen mit ASS sind die sogenannten „soft skills“, wie z.B. Teamfähigkeit, Menschenkenntnis oder Kritikfähigkeit häufig eingeschränkt, wodurch die Teamarbeit und das soziale Miteinander deutlich erschwert ist. In der ICD-10 wird außerdem der „Mangel, spontan Freude, Interessen oder Tätigkeiten mit anderen zu teilen“ als weiteres Symptom der beeinträchtigten sozialen Interaktion genannt.

Kommunikation 

Bei vielen Menschen mit ASS tritt die Entwicklung der gesprochenen Sprache deutlich verspätet ein. Schwer betroffene Personen werden nie über eine verbale Lautsprache verfügen können. Kommt es zur Ausbildung von verbaler Sprache, wird diese häufig sehr ungewöhnlich gebraucht. Wortneuschöpfungen, Wortrituale und ein übertrieben genauer Sprachstil finden in ihrem Sprachgebrauch häufige Verwendung. Sprechauffälligkeiten, wie z.B. wenig betontes, stockendes oder gleichklingendes Sprechen sind ebenfalls keine Seltenheit. Eine veränderte Sprachmelodie und Sprachrhythmus, sowie Verwendung der Echolalie, also das ständige Wiederholen von bestimmten Wörtern, gehören auch zu den Kennzeichen des Sprachgebrauchs von Menschen mit ASS. Neben Beeinträchtigungen die passenden Worte in einer Situation zu sagen, kommt es auch zu Schwierigkeiten den Inhalt der Sprache richtig zu verstehen. Betroffene fassen das Gehörte oft wortwörtlich auf, sodass Zynismus, Sprichwörter und Ironie von ihnen nicht verstanden werden können. Dadurch kann es zu vielen Missverständnissen in der gegenseitigen Interaktion kommen. Das sogenannte soziale Imitations- oder „So tun als ob“-Spielen, welches eigentlich ein wichtiger Teil von kindlicher Kommunikation ist, ist bei Menschen mit ASS typischerweise eingeschränkt. Heutzutage werden aufgrund von Schwierigkeiten in Benutzung der verbalen Sprache immer mehr Möglichkeiten der unterstützten Kommunikation [Link-Unterstützte Kommunikation] angeboten. Betroffene können auf alternative Kommunikationsmittel, wie z.B. Symbolsammlungen (Metacom, PCS oder Symbolstix-Symbole), Kommunikationsbücher, Symboltafeln mit Sprachausgabe oder Talker zurückgreifen. Das Angebot unterstützter Kommunikation befindet sich in ständiger Erweiterung und erfährt immer größere Beliebtheit bei Menschen mit ASS.

Wiederholende und stereotype Verhaltensweisen

Menschen mit ASS zeigen oft ungewöhnliche Bewegungen, die sie mehrmals hintereinander wiederholen, wie z.B. das Jaktieren (Oberkörperschaukeln), motorische Manierismen (Drehen und Verbiegen der Finger), das Flattern mit den Händen, Hüpfen oder Klopfen. Es wird vermutet, dass ihnen diese gleichförmigen Bewegungen ein Gefühl von Sicherheit geben und sie damit Stress abbauen können. Diese Ansicht teilt auch der Autist Tito Mukhopadhyay, der in seinem Buch schreibt: „Wenn ich weiß, dass jemand mich voller Neugier beobachtet, fühle ich mich unwohl. Mein Körper reagiert sofort darauf. Ich werde hyperaktiv und wedele mit den Händen, um meinen Stress wenigstens teilweise abzureagieren“. Das ständige Wiederholen bestimmter Verhaltensweisen hat für den Betroffenen immer Sinn und Funktion, z.B. Stressabbau. Dieser Sinn ist für Außenstehende oft nicht erkennbar. Eine weitere Auffälligkeit, die bei vielen Menschen mit ASS zu finden ist, ist der Widerstand gegen Veränderungen bzw. das Festhalten an starren Routinen. Selbst kleine Änderungen, wie z.B. die Verspätung des Busses oder eine andere Haarfarbe bei der Mutter können zu Wutausbrüchen und Schreien führen. Außerdem kann beobachtet werden, dass Kinder mit ASS oft ein sehr auffälliges Interesse an nicht funktionalen Teilobjekten wie Geschmack, Gerüchen, Geräuschen, Lichteffekten oder der Beschaffenheit von Oberflächen aufzeigen. Viele Menschen mit ASS interessieren sich in intensiver und besonderer Weise für bestimmte Themen, wie z.B. Fahrpläne, Dinosaurier oder Briefmarken. Diese Beschäftigung mit ganz eigenen, speziellen Themen gibt den Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit, Vertrautheit, Vorhersehbarkeit und absoluter Zufriedenheit.

Neben diesen Merkmalen neigen Menschen mit Autismus häufig auch noch zu einer Reihe weiterer psychischer Begleitstörungen wie z.B. Angststörungen, Schlaf- und Essstörungen sowie Wutausbrüche und fremd- bzw. selbstverletzendes Verhalten.

Das Asperger-Syndrom unterscheidet sich von den anderen Autismus-Spektrum-Störungen in erster Linie dadurch, dass oft keine Entwicklungsverzögerung der Sprache oder der kognitiven Entwicklung vorhanden ist. Die meisten Menschen mit Asperger-Syndrom besitzen eine normale allgemeine Intelligenz. Verfügen sie in Teilbereichen über eine besonders hohe Intelligenz spricht man von sogenannten „Inselbegabungen“.

Was kann ich tun? 

Mit einem autistischen Kind zu leben wird dich noch vor viele Herausforderungen stellen. Du wirst vermutlich oft das Gefühl haben überfordert und ratlos zu sein. Dein Kind nimmt diese Welt vermutlich ganz anders wahr, als Du selbst. Sieh es als Chance an diese für dich eigenartige, besondere Sicht verstehen zu lernen, damit Du immer besser auf dein Kind eingehen kannst. Im Elternratgeber des Bundesverbandes Autismus findest Du einige wertvolle, konkrete Tipps zum Umgang mit deinem sehr besonderen Kind.

Weiterführende Informationen
Bücher und Filme
  • Buntschatten und Fledermäuse: Mein Leben in einer anderen Welt (Axel Brauns)
  • Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann: Ein autistischer Junge erklärt seine Welt (Naoki Higashida)
  • Snow Cake: Jedes Leben berührt ein anderes
  • Eine Auflistung vieler weiterer Bücher und Filme findest Du hier:
    https://www.autismus-verstehen.de/buecher_und_filme.html
Quellenverzeichnis
  • Bölte, S. (Hrsg.). (2009). Autismus: Spektrum, Ursachen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven (Psychologie-Lehrbuch) (1. Aufl.). Bern: Huber.
  • Cholemkery, H. & Freitag, C. M. (2014). Soziales Kompetenztraining für Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen: mit E-Book inside und Arbeitsmaterial (1. Aufl.). Weinheim: Beltz.
  • Theunissen, G., Kulig, W., Leuchte, V. & Paetz, H. (Hrsg.). (2015). Handlexikon Autismus-Spektrum: Schlüsselbegriffe aus Forschung, Theorie, Praxis und Betroffenen-Sicht (1. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.
  • https://www.icd-code.de/icd/code/F84.0.html
  • https://www.embryotox.de/
Bildquellen
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