Diagnosen
Diagnose Autismus - und nun?
Stand: 11.05.2026
Du bist auf dieser Seite gelandet, weil Du dich über die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS) informieren willst. Sicherlich hast Du gerade viele Fragen, auf die Du Antworten brauchst. Im Folgenden erhältst Du einen ersten Überblick zur Diagnose Autismus und bekommst einige hilfreiche Informationen. Es gibt häufige Anzeichen, die bei einer Diagnose auftreten. Dennoch ist jedes Kind einzigartig und geht seinen eigenen Weg.
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Falls es noch nicht lange her ist, dass Du diese Diagnose für dein Kind erhalten hast, empfehlen wir dir zu Beginn den Fachbeitrag "Dein Kind hat eine Behinderung? Erste Informationen und Anlaufstellen" zu lesen oder unser Video "Eine Diagnose - vom Suchen und Finden" auf YouTube anzuschauen. In diesen bekommst Du wichtige Informationen und Hinweise zu den ersten Schritten nach einer Diagnosemitteilung.
Autismus – was ist das?
Der Begriff „Autismus“ beinhaltet die griechischen Wörter autos (selbst) und ismos (Zustand, Orientierung). Die Zusammenführung dieser beiden Wörter kann somit eine „Orientierung an sich selbst“ oder einen „Rückzug in das eigene Ich“ beschreiben. Der Begriff wird verwendet um eine komplexe und vielseitige neurologische Entwicklungsstörung zu bezeichnen. Da inzwischen so viele unterschiedliche Formen von Autismus diagnostiziert werden, spricht man von einer „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS) als Oberbegriff für das gesamte Spektrum autistischer Störungen.
Autismus galt lange Zeit als eher seltene Störung. Neuere Untersuchungen ergaben jedoch, dass die Häufigkeit von Autismus weit höher liegt, als bisher gedacht. Es lässt sich nicht genau feststellen, wie viele Menschen es derzeit mit ASS in Deutschland gibt, da es sich bei den vorhandenen Zahlen meist nur um Schätzungen oder Daten aus dem Ausland handelt. Im Jahr 2021 wurde im Rahmen einer Studie von Maenner, M. J., et al. in Amerika herausgefunden, dass 1,85 % der Kinder in den USA mit ASS diagnostiziert sind. Inwiefern sich diese Daten aber auf Deutschland übertragen lassen ist unklar. Derzeit wird eine weltweite Häufigkeit von 0,6-1% angenommen. Bei Jungen tritt Autismus viermal häufiger auf als bei Mädchen.
Wie entsteht eine ASS?
Warum es überhaupt zu einer autistischen Störung kommt, ist bis heute noch nicht vollständig erforscht. Man ist der Ansicht, dass die Entwicklung einer ASS genetische Gründe hat. Die ASS zählt unter den kinderpsychiatrischen Störungen sogar als die mit dem stärksten genetischen Einfluss. Anders als beispielsweise beim Down-Syndrom gibt es jedoch nicht nur ein Gen, das für die ASS ausschlaggebend ist. Es sind viele verschiedene Gene, die eine Rolle spielen.
Neben den genetischen Einflüssen spielen auch die biologischen Faktoren eine Rolle. Ein biologischer Risikofaktor ist zum Beispiel eine Infektion der Mutter in der Schwangerschaft oder die Einnahme von bestimmten Medikamenten während der Schwangerschaft, wie Antiepileptika oder Antidepressiva. Auf der Seite embryotox.de kannst Du nachlesen, welche Medikamente in der Schwangerschaft schädlich sein können. Komplikationen während der Geburt, wie beispielsweise Sauerstoffmangel oder Blutungen im Gehirn des Kindes können ebenfalls zu einer ASS führen. Zum jetzigen Forschungsstand lässt sich jedoch keine eindeutige Aussage über die genaue Ursache einer ASS treffen.
Wie wird ASS unterteilt?
Im Klassifikationssystem der ICD-11 werden die Autismus-Spektrum-Störungen den neuromentalen Entwicklungsstörungen zugeordnet. Autismus-Spektrum-Störungen werden als Störungen der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung bezeichnet, die zusammenfassend durch „anhaltende Defizite in der Fähigkeit, wechselseitige soziale Interaktionen und soziale Kommunikation zu initiieren und aufrechtzuerhalten, sowie durch eine Reihe von eingeschränkten, sich wiederholenden und unflexiblen Verhaltensmustern, Interessen oder Aktivitäten, die für das Alter und den soziokulturellen Kontext der Person eindeutig untypisch oder exzessiv sind“ gekennzeichnet sind. Diese etwas komplizierte Formulierung wird gleich noch genauer erklärt.
In der ICD-11 werden Autismus-Spektrum-Störungen unter der Kategorie der neuromentalen Entwicklungsstörungen nach Ausprägung von Intelligenz und Sprache unterschieden.
Die detaillierten Diagnosekriterien kannst Du in der ICD-11 auf der Seite des Bundesinstitus für Arznei und Medizinprodukte nachlesen.
Was sind Merkmale einer ASS?
Menschen mit ASS haben einige mögliche auffällige Verhaltensmerkmale und besondere Formen der Wahrnehmung. Grundsätzlich lassen sich die Merkmale in drei Bereichen feststellen: Soziale Interaktion mit Mitmenschen, Kommunikation, wiederholende und stereotype Verhaltensweisen.
Soziale Interaktion
Bei Menschen mit ASS ist die Art und Weise, wie sie auf ihre Mitmenschen zugehen, eine Beziehung aufbauen oder erhalten wollen in der Regel anders. Zum Beispiel fällt es Betroffenen mitunter schwer, Blickkontakt zu halten, Körpersprache, Mimik oder Gestik zu deuten oder einzusetzen. Dies erschwert die Kontaktaufnahme zu Gleichaltrigen und führt häufig dazu, dass es schwierig ist, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Das Theory-of-Mind Konzept besagt, dass eine Person in gewissem Maße nachvollziehen kann, was in einem anderen vor sich geht. Sich in andere Personen hineinzuversetzen fällt autistischen Menschen häufig schwer, was dazu führen kann, dass sie Gedanken, Gefühle und Ideen anderer Personen oft nicht nachvollziehen können.
Erste Anzeichen von ASS können teilweise schon im 1. Lebensjahr beobachtet werden. Im Alter von 6 bis 8 Wochen reagiert ein Kind normalerweise mit einem Lächeln auf das Gesicht seiner Eltern. Kinder mit ASS dagegen zeigen dieses soziale Lächeln nicht, nehmen sehr selten Blickkontakt mit ihren Eltern auf und lehnen Berührungen eher ab. Meist sind es die Eltern selbst, denen ein ungewöhnliches Verhalten ihres Kindes auffällt.
Auffällig ist auch, dass Kinder mit ASS schon im frühen Alter mehr Interesse an unbelebten Gegenständen, wie beispielsweise Mobile oder Lichtschalter zeigen, als an Menschen. Die Kontaktaufnahme zu anderen Menschen bleibt oft gänzlich aus, oft besteht auch kein Interesse an anderen Kindern. Bei erwachsenen Menschen mit ASS, die über eine verbale Sprache verfügen, sind Gespräche meist nur Mittel und Zweck der Informationsweitergabe. Bei Menschen mit ASS sind die sogenannten „soft skills“, wie Teamfähigkeit, Menschenkenntnis oder Kritikfähigkeit häufig eingeschränkt, wodurch die Teamarbeit und das soziale Miteinander deutlich erschwert ist.
Kommunikation
- Bei vielen Menschen mit ASS tritt die Entwicklung der gesprochenen Sprache deutlich verspätet ein. Unter Umständen sprechen Betroffene auch gar nicht.
- Kinder mit ASS benutzen meist auch keine Gesten (zum Beispiel Zeigen auf Gegenstände). Auch der Ausdruck über die Mimik ist oft eingeschränkt oder schwierig zu deuten.
- Kinder mit ASS reagieren oft nicht auf ihren Namen.
- Kommt es zur Ausbildung von verbaler Sprache, wird diese häufig sehr ungewöhnlich gebraucht. Wortneuschöpfungen, Wortrituale und ein übertrieben genauer Sprachstil finden in ihrem Sprachgebrauch häufige Verwendung. Sprachauffälligkeiten, wie wenig betontes, stockendes oder monotones Sprechen können ebenfalls auftreten.
- Eine veränderte Sprachmelodie und Sprachrhythmus, sowie Verwendung der Echolalie, also das ständige Wiederholen von bestimmten Wörtern, gehören auch zu den Kennzeichen des Sprachgebrauchs von Menschen mit ASS.
- Einer Person mit ASS kann es schwer fallen in Situationen die passenden Worte zu finden.
- Daneben kann es ihnen auch Schwierigkeiten bereiten den Inhalt der Sprache eines Gegenübers richtig zu verstehen. Betroffene fassen das Gehörte oft wortwörtlich auf, sodass Zynismus, Sprichwörter und Ironienicht verstanden werden können. Dadurch kann es zu vielen Missverständnissen in der gegenseitigen Interaktion kommen.
- Das sogenannte soziale Imitations- oder „So tun als ob“-Spielen, welches eigentlich ein wichtiger Teil kindlicher Kommunikation ist, ist bei Menschen mit ASS meist eingeschränkt.
Bei Schwierigkeiten in der Benutzung gesprochener Sprache ist die Unterstützte Kommunikation eine gute Hilfe. Betroffene können auf alternative Kommunikationsmittel, wie Symbolsammlungen (Metacom, PCS oder Symbolstix-Symbole), Gebärden, Kommunikationsbücher, Symboltafeln mit Sprachausgabe oder Talker zurückgreifen.
Sich wiederholende und stereotype Verhaltensweisen
Menschen mit ASS zeigen oft, sich wiederholende Verhaltensmuster, Interessen oder Bewegungen. Hier ist beispielhaft zu nennen: Das Jaktieren (Oberkörperschaukeln), motorische Manierismen (Drehen und Verbiegen der Finger), das Flattern mit den Händen, Hüpfen oder Klopfen. Es wird vermutet, dass Betroffenen diese gleichförmigen Bewegungen ein Gefühl von Sicherheit geben und sie damit Stress abbauen können. Diese Ansicht teilt auch Tito Mukhopadhyay (eine Person mit ASS), der in seinem Buch schreibt: „Wenn ich weiß, dass jemand mich voller Neugier beobachtet, fühle ich mich unwohl. Mein Körper reagiert sofort darauf. Ich werde hyperaktiv und wedele mit den Händen, um meinen Stress wenigstens teilweise abzureagieren“. Das ständige Wiederholen bestimmter Verhaltensweisen hat für den Betroffenen immer Sinn und Funktion, beispielsweise Stressabbau. Dieser Sinn ist für Außenstehende oft nicht erkennbar.
Viele Menschen mit ASS reagieren stark auf Veränderungen und damit einhergehend ist das Festhalten an Routinen oft sehr wichtig. Selbst kleine Änderungen, wie die Verspätung des Busses oder eine andere Haarfarbe bei der Mutter können zu einer Überforderung führen, die nicht selten durch starke Reaktionen darauf sichtbar wird; etwa durch "wütende", "laute" Ausbrüche oder aber auch ganz im Gegenteil, durch Rückzug und "still werden".
Außerdem kann beobachtet werden, dass Kinder mit ASS oft ein sehr auffälliges Interesse an nicht funktionalen Teilobjekten wie Geschmack, Gerüchen, Geräuschen, Lichteffekten oder der Beschaffenheit von Oberflächen aufzeigen. Menschen mit ASS interessieren sich oft in intensiver und besonderer Weise für bestimmte Themen. Das können beispielsweise Fahrpläne, Dinosaurier oder Briefmarken sein. Diese Beschäftigung mit ganz eigenen, speziellen Themen gibt den Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit, Vertrautheit, Vorhersehbarkeit und absoluter Zufriedenheit.
Autismus- Spektrum-Störungen sind häufig begleitet von anderen psychischen Erkrankungen wie Angststörungen, Schlaf- und Essstörungen sowie fremd- bzw. selbst verletzendem Verhalten.
Neurodiversität und Autismus
Neurodiversität beschreibt die Vielfalt aller neurologischen Funktionsweisen, also alle Möglichkeiten, wie das Denken von Menschen sich unterscheiden kann. Das Konzept der Neurodiversität geht davon aus, dass es nicht nur eine Art gibt, wie das Gehirn funktionieren kann, sondern dass es viele verschiedene Arten gibt. In diesem YouTube - Video kannst Du dich über Neurodiversität informieren.
Innerhalb dieses Spektrums spricht man von Neurodivergenz, wenn eine Person kognitiv von der als “neurotypisch” geltenden Norm abweicht. Dazu zählt unter anderem Autismus oder ADHS. Anstatt Autismus rein als medizinische Störung zu betrachten, definiert die Neurodiversitätsbewegung ihn als eine natürliche biologische Variante der menschlichen Gehirnentwicklung.
Wie läuft eine Autismusdiagnostik ab?
Eine Autismusdiagnostik kann ungefähr ab dem 2. Lebensjahr durchgeführt werden. Damit keine falsche Diagnose gestellt wird, werden viele gründliche Untersuchungen gemacht. Oft wird zuerst ein “Verdacht auf Autismus (V.a. Autismus)” geäußert. Wenn die Auffälligkeiten nach mehreren Monaten weiter bestehen, wird das Kind meist umfassend untersucht.
Erste Anlaufstelle für eine Diagnostik ist der Kinderarzt, der dich dann an eine Fachstelle überweist. Das kann sein:
- Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ)
- Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/ Psychotherapie
- Spezialisierte Praxen für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Oft dauert es lange bis Du einen Termin für eine Autismusdiagnostik bekommst. Die Diagnostik besteht aus mehreren Untersuchungen, die an unterschiedlichen Tagen durchgeführt werden. Dabei werden
• Gespräche geführt
• Du musst Fragebögen ausfüllen
• es finden Verhaltensbeobachtungen statt
• es werden Entwicklungstests und
• medizinische Untersuchungen gemacht.
Ein Selbsttest im Internet kann eine umfassende Diagnose bei einem Spezialisten nicht ersetzen.
Was kann ich tun?
Das Leben mit deinem Kind mit ASS kann dich noch vor viele Herausforderungen stellen. Du kannst das Gefühl haben überfordert und ratlos zu sein. Dein Kind nimmt diese Welt vermutlich ganz anders wahr als Du selbst. Im Elternratgeber des Bundesverbandes Autismus findest Du einige konkrete Tipps, die dich imUmgang mit deinem Kind unterstützen können. Durch eine frühzeitige Diagnostik und gezielte Förderung kann die Entwicklung jedes Kindes positiv beeinflusst werden.
In jedem bayerischen Regierungsbezirk gibt es Beratungsstellen an die Du dich wenden kannst. Auf der Seite des Autismuskompetenzzentrums Oberbayern findest Du eine Übersicht. Der Austausch mit anderen Eltern kann dir auch dabei helfen dein Kind besser zu verstehen. Du und dein Kind werden sich im Laufe der Zeit immer besser kennen lernen. Gebt euch einander Zeit. In der intakt.info-Community kannst Du dich mit anderen Eltern austauschen.
Weiterführende Informationen
- Auf der Seite des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales
- Auf der Seite des autismus Bayern e.V.
- Autismus Beratungsstellen in Bayern findest Du in jedem Regierungsbezirk auf der Seite des Autismuskompetenzzentrums Oberbayern
- Die Seite autismus.de hier findest Du auch einen Elternratgeber
- Die Seite autismus-verstehen.de
- Die Seite autismus-kultur.de
- Bücher, Filme und Serien
- Buntschatten und Fledermäuse: Mein Leben in einer anderen Welt (Axel Brauns)
- Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann: Ein autistischer Junge erklärt seine Welt (Naoki Higashida)
- Snow Cake: Jedes Leben berührt ein anderes
- Eine Auflistung vieler weiterer Bücher und Filme findest Du auf autismus.de (PDF-Download) und beim isb-Bayern (PDF-Download)
Quellenverzeichnis
- Bölte, S. (2009). Autismus: Spektrum, Ursachen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven. Huber.
- Cholemkery, H. & Freitag, C. M. (2014). Soziales Kompetenztraining für Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen: mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz.
- Maenner, M. J., et al. (2021). "Prevalence of Autism Spectrum Disorder Among Children Aged 8 Years — Autism and Developmental Disabilities Monitoring Network, 11 Sites, United States, 2018." MMWR Surveillance Summaries, 70(11), 1-16.
- Theunissen, G., Kulig, W., Leuchte, V. & Paetz, H. (2015). Handlexikon Autismus-Spektrum: Schlüsselbegriffe aus Forschung, Theorie, Praxis und Betroffenen-Sicht. Kohlhammer.
- https://www.embryotox.de/
- https://www.icd-code.de/icd/code/F84.0.html
Bildquellen
- https://de.123rf.com/lizenzfreie-bilder/autismus.html?oriSearch=junge+schaut+aus+fenster&sti=lmdxzdrakyx8xfbsqy|&mediapopup=45709858
- https://de.fotolia.com/id/220178743
- https://de.123rf.com/photo_36570046_3d-render-of-hanging-light-bulbs-with-glowing-one-isolated-on-dark-blue-background.html?downloaded=1


