Diagnose ADHS - und nun?

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Diagnose ADHS - und nun?

Stand: 28.11.2019

Im Folgenden bekommst Du hilfreiche Informationen zur Diagnose ADHS = Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. So erfährst Du beispielsweise, was genau die Diagnose ADHS bedeutet und wie Du dein Kind unterstützen kannst. Falls es noch nicht lange her ist, dass Du diese Diagnose für dein Kind erhalten hast, empfehlen wir Dir zu Beginn den „Fachbeitrag Erstmitteilung“ zu lesen, in dem Du wertvolle Informationen und Hinweise zu den ersten Schritten nach einer Diagnosemitteilung bekommst.


https://de.123rf.com/lizenzfreie-bilder/adhs.html?&sti=lv81cv76fhtyqwo0nf%7C&mediapopup=118814949

ADHS – Was ist das?  

Die Abkürzung ADHS steht für „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“, in Fachkreisen wird auch von einer „hyperkinetischen Störung“ gesprochen. Sie gehört zu den häufigsten psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Derzeit leiden circa 2-6 % aller Kinder und Jugendlichen unter ADHS.  

Woher kommt das?  

Die Ursachen und Entstehungsmechanismen von ADHS sind bis heute noch nicht vollständig aufgeklärt. Allerdings wurden in den letzten 15 Jahren viele Erkenntnisse zur Entstehung von ADHS gewonnen. Der Verdacht auf eine genetische Disposition (= Anlage, die sich nicht ausprägen muss) konnten groß angelegte Zwillings- und Adaptionsstudien deutlich bestätigen. Man geht heute davon aus, dass Kinder mit ADHS mit einer unterschiedlichen Anfälligkeit (Vulnerabilität) auf die Welt kommen. Diese Anfälligkeit trägt bedeutend dazu bei, ob sich beim Kind eine ADHS ausbildet. Aber auch die Umgebungsfaktoren sind für das Ausbilden einer ADHS von wichtiger Bedeutung.  

Biologische Faktoren: Der Aufmerksamkeitsstörung und Impulsivität liegt bisherigen Studien zufolge, eine Störung des Neurotransmitter-Austausches zwischen Stirnhirn und Basalganglien (Steuerung der unbewussten Bewegungen) zugrunde. Der Neurotransmitter-Austausch durch Dopamin und das daraus gebildete Noradrenalin ist bei Kindern deutlich herabgesetzt.

Psychosoziale Faktoren: Die wichtigsten psychosozialen Faktoren, die mit einer Entstehung von ADHS in Verbindung gebracht werden, sind ungünstige Familienverhältnisse bzw. Umgebungsbedingungen. Alle Umgebungsbedingungen, die unüberschaubar, unstrukturiert, chaotisch und/oder unzuverlässig sind, können bei entsprechend (vulnerablen) Kindern auslösend bzw. verstärkend auf ADHS wirken. 

ADHS im Kinder- und Jugendalter  

Je nach Lebensalter können sich die Auswirkungen von ADHS sehr unterschiedlich äußern. Charakteristisch für ADHS sind jedoch folgende drei Hauptsymptome:  Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität.  

Hyperaktivität: Unter Hyperaktivität versteht man einen starken Bewegungsdrang, der sich in unkontrollierter motorischer Unruhe äußert. Viele Kinder fallen durch das ständige Zappeln oder Fuchteln mit den Händen auf. Sie wirken insgesamt sehr unruhig und haben große Schwierigkeiten damit, still zu sein. Jugendliche sind oft nicht mehr so zappelig und unruhig. Sie leiden aber oft noch an starker innerer Unruhe und Anspannung.

Unaufmerksamkeit: Den Kindern fällt es sehr schwer, sich auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren. Sie lassen sich sehr leicht durch andere Reize ablenken. Oft haben sie auch Probleme damit, angefangene Tätigkeiten zu Ende zu führen. Diese Probleme machen sich häufig besonders in der Schule bemerkbar, da von den Kindern und Jugendlichen in dieser Zeit besonders viel Aufmerksamkeit und Konzentration gefordert wird. Durch die beeinträchtigte Aufmerksamkeit kann es zu vielen Flüchtigkeitsfehlern kommen. Außerdem fallen diese Kinder manchmal dadurch auf, dass sie sehr vergesslich sind und Gegenstände, wie z.B. Stifte oder Sportzeug, verlieren. 

Impulsivität: Kinder oder Jugendliche mit ADHS, die stark impulsiv sind, denken oft nicht nach bevor sie handeln. Sie haben eine Idee und wollen diese sofort in die Tat umsetzen, ungeachtet von möglichen Folgen oder Problemen. Sie beginnen beispielsweise Hausaufgaben, ohne sich die Aufgabe genau durchzulesen, platzen mit Antworten heraus, bevor Fragen zu Ende gestellt sind, reagieren unangemessen aggressiv oder unterbrechen andere häufig. Sie haben oft Schwierigkeiten damit, sich in eine Gemeinschaft einzuordnen und stören häufig die geregelten Abläufe in Familie, Kindergarten oder Schule. In manchen Situationen fällt es ihnen auch schwer, die Mimik und Gestik ihres Gegenübers korrekt zu interpretieren. Eine allgemeine starke Reizbarkeit, Distanzlosigkeit, heftige Stimmungsschwankungen und eine geringe Frustrationstoleranz können ebenfalls Anzeichen für eine gestörte Impulskontrolle sein. 

Aufmerksamkeitsdefizit ohne Hyperaktivität (ADS)  

Neben der ADHS, gibt es auch eine Störung, die sich nur ADS nennt. Kinder mit ADS zeigen ähnliche Symptome wie bei ADHS, sind allerdings nicht hyperaktiv. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall: Sie leiden unter einer Aktivitätsminderung (auch Hypoaktivität genannt). Man geht davon aus, dass Mädchen von dieser Form häufiger betroffen sind als Jungen. Kinder mit ADS haben eine verkürzte, nicht altersgemäße Konzentrationsspanne. Sie bringen ungern ein Spiel zu Ende, sind fahrig und zerstreut, lassen oft Sachen liegen, kleinste Anweisungen werden vergessen. Sie haben häufig ein langsames Arbeitstempo und wirken verträumt. Kinder mit ADS werden oft nicht als solche erkannt, da die Symptome meist weniger auffällig sind, als bei ADHS.

ADHS im Erwachsenenalter  

Einige Symptome, wie z.B. die verminderte Aufmerksamkeit lässt sich auch bei den meisten Erwachsenen mit ADHS finden. Die besonders im Kindesalter oft stark ausgeprägte Hyperaktivität vermindert sich jedoch meist im Jugend- und Erwachsenenalter. Auch die Impulsivität kann sich im Erwachsenenalter reduzieren. Allerdings fällt es auch Erwachsenen häufig schwer, über spontane Einfälle genauer nachzudenken oder als konkretes Beispiel, in einer Reihe zu warten. Im Arbeitsleben äußern sich die Symptome von ADHS häufig durch Schwierigkeiten jemandem länger zuzuhören, durch Konzentrationsschwierigkeiten und das Vergessen von Aufgaben. Der starke Bewegungsdrang, der ein Hauptkennzeichen für ADHS im Kindesalter ist, tritt im Erwachsenenalter in veränderter Form auf: Viele fühlen sich innerlich ruhelos, können nicht lang auf einem Platz sitzen, wippen mit den Füßen oder reden ohne Pausen zu lassen. Die Impulsivität äußert sich bei Erwachsenen oft dadurch, dass sie Gefahren schlecht einschätzen können und laut Statistiken häufiger Unfälle bauen. Manchen fällt es auch schwer Regeln oder Gesetze einzuhalten und vernünftige Entscheidungen zu treffen. 

Kurzüberblick über mögliche Symptome im Verlauf der Entwicklung

Säuglingsalter

  • Besonders häufiges ausdauerndes und schrilles Schreien
  • Ununterbrochener Bewegungsdrang
  • instabiler Wach- und Schlaf-Rhythmus
  • Sauberkeitserziehung und Sprachentwicklung sind häufig verzögert

Kleinkindalter 

  • Vermehrte Aggressionen
  • Unkontrollierbare Wutanfälle
  • Chaotisches und destruktives, wenig zielgerichtetes Spielverhalten

Kindergartenalter

  • Gruppenunfähigkeit und Störverhalten 
    → Außenseiterrolle
  • Ständiges Herumzappeln und Dazwischenreden im Stuhlkreis
  • Starker Bewegungsdrang
  • Kein Gefahrenbewusstsein
  • Kein Lernzuwachs durch negative Erfahrungen

Schulzeit und Jugendalter 

  • Einfügen in den Klassenverband sehr erschwert
  • Kinder oft in Schlägereien verwickelt
  • motorische Symptome der Hyperaktivität gehen zurück
  • Impulsivität und verminderte Aufmerksamkeit bleiben erhalten
  • Orientierung an sozialen Randgruppen
  • Risiko, eine Suchtbereitschaft zu entwickeln
  • Bereitschaft zum Hochrisikoverhalten
   

Gibt es Begleiterkrankungen von ADHS?

Kinder mit ADHS entwickeln infolge häufiger Misserfolge und Konflikte im sozialen und schulischen Bereich nicht selten sogenannte “Komorbide Störungen” (Begleiterkrankungen). Folgende Komorbiditäten können (müssen aber auf keinen Fall!) auftreten:

  • Depressionen gehören zu den häufigsten sekundären Störungen bei ADHS. Sie beruhen auf einem sich ständig verschlechternden Selbstwertgefühl, das oft mit dem wiederholten Scheitern einhergeht.
  • Störung des Sozialverhaltens / Aggressive Störungen: Aggressive Auffälligkeiten treten häufig auf, weil die Kinder ihr Verhalten nur sehr schwer steuern können. Sie sind nicht mit Absicht aggressiv. Vielmehr fahren ihre Gefühle Achterbahn und es ist ihnen im Moment der Wut nicht möglich, sich selbst zu bremsen.
  • Angststörungen: Von einer Angststörung spricht man, wenn die Intensität und Dauer der Ängste nicht mehr im Verhältnis zur geschuldeten Ursache stehen.
  • Teilfunktionsstörungen und Lernstörungen: Eine Lese-Rechtschreibschwäche und eine Rechenschwäche kommen bei Kindern mit ADHS häufiger vor, als bei Gleichaltrigen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?  

Generell ist es wichtig, dass es sich bei der Förderung um eine multimodale Therapie handelt. Das bedeutet, dass ganz verschiedene Bereiche der Therapie beleuchtet und beachtet werden. Voraussetzung dafür ist eine enge Zusammenarbeit von Eltern, Lehrern, Erziehern, Psychologen, Therapeuten etc..

Die Seite adhs.de schlägt folgende Bausteine für eine multimodale Therapie vor:  

  • Psychotherapie und Verhaltenstherapie
  • Medikation
  • Veränderungen im Umfeld
  • Coaching
  • Aufklärung und Information
  • Eltern, Lehrer und Erzieher einbeziehen
  • Behandeln von begleitenden Störungen
  • Freizeitgestaltung
  • Fördermaßnahmen

Beratung  

Bevor man sich mit konkreteren Therapie- und Fördermöglichkeiten beschäftigen, ist es wichtig, sich gut über das Störungsbild ADHS informieren zu lassen. Es ist empfehlenswert Erzieher bzw. Lehrer Deines Kindes in diese Beratung miteinzubeziehen. Im Rahmen eines persönlichen Gespräches werden bestenfalls Deine persönlichen Erfahrungen und alltäglichen Probleme miteinbezogen, damit Du konkrete Tipps und Hinweise für den Alltag erhalten kannst. Ziel der Beratung ist, dass Du dein Kind in vielen Situationen besser nachvollziehen kannst und man gleichzeitig effektive Strategien zum Umgang mit den herausfordernden Verhaltensweisen erlernen kann.

Hier findest Du eine Auflistung über alle ADHS-Netzwerke in Deutschland, über die Du Beratung, Gespräche oder Austausch mit anderen Betroffenen in Anspruch nehmen kannst.  

Verhaltenstherapie

Unter dem Begriff der Verhaltenstherapie werden verschiedene psychologische Behandlungsformen zusammengefasst. Es kann sich um Interventionen innerhalb der Familie handeln, aber auch um Trainings, die im Kindergarten oder in der Schule durchgeführt werden. Es empfiehlt sich die verschiedenen Behandlungsformen miteinander zu kombinieren, um möglichst viele Lebensbereiche des Kindes optimieren zu können. Generell geht es bei der Verhaltenstherapie darum, dass die Kinder und Jugendlichen alternative Handlungsmöglichkeiten erlernen, die sie in problematischen Situationen einsetzen können. Man kann die Verhaltenstherapie bei einem Psychologen in der Region oder vergleichbaren Anlaufstellen durchführen. Das Buch „Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern“ von Lauth und Schlottke, welches im August 2019 bereits in der 7. Auflage erscheint, enthält ebenfalls sehr wertvolle Möglichkeiten und Ansätze, um mit dem Störungsbild ADHS gut umgehen zu können. 

Medikamentöse Therapie

Am häufigsten werden zur Behandlung von ADS/ADHS sogenannte Psychostimulanzien (z.B. Methylphenidat) verwendet. Wenn Du dich noch detaillierter mit einer medikamentösen Therapie auseinandersetzen willst, findest Du hier einige weiterführende Informationen. Auf dieser Seite erhälst Du Informationen dazu, wann eine medikamentöse Therapie empfehlenswert ist, welche Nebenwirkungen möglich sind und wie diese Medikamente genau wirken. 

Was kann ich daheim konkret verbessern? 

  • Wissen und Verständnis fördern: Als Elternteil soll man nach und nach verstehen können, welche Probleme sich bei Kindern aufgrund von ADHS zeigen. Es geht um das schwierige Verständnis davon, was das Kind aufgrund der Beeinträchtigung “nicht tun kann” und was es “nicht tun will”.
  • Konsequent sein: Für Kinder mit ADHS ist es sehr hilfreich, wenn sie Konsequenzen für ihr Verhalten spüren, die vorhersagbar, klar und einleuchtend sind. Sie brauchen diese Reaktionen, um ihr Verhalten besser steuern zu können.
  • Positives Selbstwertgefühl: Meistens fühlen sich Kinder mit ADHS ziemlich schlecht und glauben, dass sie sich in ihrer Welt nicht zurechtfinden, anstatt dass sie die Dinge, die ihnen gut gelingen, erkennen und positiv für sich annehmen. An dieser Stelle kannst Du dein Kind unterstützen!
  • Routine und Struktur: Kinder mit ADHS profitieren davon, wenn es zu Hause vorhersagbar und strukturiert zugeht.
  • Realistische Erwartungen: Eltern sollten die Probleme nicht dadurch verschärfen, dass sie “aus einer Mücke einen Elefanten machen”, sondern sich auf einige wenige grundsätzliche Verhaltensmuster konzentrieren, auf die es ankommt.
  • Klare Kommunikation und Steuerung: Kinder, die unaufmerksam, impulsiv und anscheinend taub für Grenzen sind, benötigen eine möglichst klare Kommunikation. Dabei sollten jedoch keine Drohungen ausgesprochen werden, die man nicht verwirklichen kann.
  • Ruhe für Sie als Eltern: Ruhepausen für sich selber sind sehr wichtig, um Stress abzubauen. Auch der Austausch in Selbsthilfegruppen kann einen Austausch ermöglichen und neue Kraft geben.
  • Bewegung: Eine bewegungsreiche Freizeitgestaltung ist sehr wichtig für dein Kind. Dein Kind muss sich auspowern können, um einen Ausgleich zu dem oft so strukturierten und geplanten Alltag zu schaffen.
  • Strukturierter Arbeitsplatz: Achte darauf, dass der Schreibtisch deines Kindes möglichst wenig Möglichkeiten zur Ablenkung bietet. Der Schreibtisch sollte in einem ruhigen, reizarm gestalteten Raum stehen.
  • Das Gute sehen: Bring deinem Kind viel Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Liebe entgegen. Dein Kind sollte das Gefühl haben, dass es geliebt ist, egal was es tut oder nicht tut.
Weiterführende Informationen
  • Hier findest Du einige Bücher, Infohefte und Ratgeber zum Thema.
Quellenverzeichnis
  • alter INTAKT-Artikel
  • https://www.adhs.info
  • http://www.adhs-information.de
  • http://www.adhs.de
  • Hamburger Arbeitskreis ADS / ADHS: Leitfaden ADS / ADHS. Hamburg 2002.
  • Barkley, R.: Das große ADHS-Handbuch für Eltern. Verantwortung übernehmen für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität. Bern 2002
Bildquellen
  • https://de.123rf.com/lizenzfreie-bilder/adhs.html?&sti=lv81cv76fhtyqwo0nf%7C&mediapopup=118814949