Unterstützte Kommunikation

Kleinkindalter

Unterstützte Kommunikation

Stand: 31.01.2020

Viele Menschen mit eingeschränkter bzw. fehlender Lautsprache können nicht problemlos über verbale Sprache mit ihrer Umwelt kommunizieren, ihre Bedürfnisse äußern oder an Gesprächen teilnehmen. Grund dafür kann zum Beispiel eine geistige oder körperliche Behinderung, eine Hirnschädigung, Aphasie oder Ähnliches sein. Die Bedeutung von Kommunikation ist vielen Menschen nicht wirklich bewusst und wird ihnen erst dann klar, wenn die gewohnten Mittel nicht mehr zur Verfügung stehen, um das zu sagen, was sie gerne würden. Für Betroffene ist dies leider oft der Alltag: Sie würden gerne etwas mitteilen, können es aber aufgrund fehlender oder eingeschränkter Lautsprache nicht. Die Grenzen ihrer Sprache werden zu den Grenzen ihrer Welt. So kann Unterstützte Kommunikation (UK) für alle Menschen, deren Lautsprache eingeschränkt ist, eine große Hilfe sein. UK kann diesen Menschen die Möglichkeit geben, dass sie mithilfe von Gebärden oder Bildsymbolen auf andere Art kommunizieren lernen und so an ihrer Umwelt teilhaben können. Dieser Fachbeitrag informiert dich darüber, für wen UK geeignet ist, welche Formen von UK es gibt und wie eine UK- Förderung konkret geplant und gestaltet werden kann. Mach dir bewusst, dass Unterstützte Kommunikation DER Weg für dein Kind sein könnte, in Interaktion mit dir und dem Umfeld zu treten.


https://www.istockphoto.com/de/foto/spielen-sie-ein-spiel-auf-einem-digitaltablett-gm636027542-112593293

Was ist Unterstützte Kommunikation (UK)?  

Der internationale Begriff der AAC (Augmentative and Alternative Communication) wurde mit dem deutschen Begriff der Unterstützen Kommunikation (UK) übersetzt. Darunter werden alle Maßnahmen, die die Kommunikation einer Person fördern, zusammengefasst. Dafür werden die lautsprachlichen Fähigkeiten - falls vorhanden - genutzt und durch weitere Hilfen, Strategien oder Techniken erweitert. Dadurch erhalten Menschen, die Schwierigkeiten haben über Lautsprache zu kommunizieren, Alternativen, um sich dennoch mitteilen zu können.  

Für wen ist UK geeignet?  

UK ist für viele verschiedene Menschen mit den unterschiedlichsten Anforderungen und Voraussetzungen anwendbar. Generell lassen sich für Menschen mit Behinderung jedoch drei Gruppen nennen:  

  1. Menschen, die Lautsprache gut verstehen können, aber unzureichende Möglichkeiten besitzen, sich selbst auszudrücken
    Zu dieser Gruppe gehören Kinder, die durch eine motorische Behinderung keine Lautsprache verwenden können, aber über ein gutes Sprachverständnis verfügen (z.B. Kinder mit schwerer Dysarthrie oder Anarthrie).  
  2. Menschen, die Unterstützung zum Lautspracherwerb benötigen, bzw. deren lautsprachliche Fähigkeiten nur dann verständlich sind, wenn sie bei Bedarf über ein zusätzliches Hilfsmittel verfügen
    Bei Kindern in dieser Gruppe ist die Kommunikation über Lautsprache zwar eingeschränkt möglich, es kommt jedoch in manchen Situationen zu Verständigungsproblemen. Probleme können zum Beispiel im Gespräch mit fremden Menschen auftreten, wenn diese die Aussprache nicht richtig verstehen. UK kann hier helfen, Verständigungsprobleme in bestimmten Situationen zu vermeiden.
  3. Menschen, für die Lautsprache als Kommunikationsmedium zu komplex ist und die daher eine geeignete Alternative benötigen
    Bei Kindern in dieser Gruppe ist neben dem Sprechen auch das Sprachverständnis beeinträchtigt. Dies kann zum Beispiel bei mehrfachbehinderten Kindern oder bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung der Fall sein, wenn die Körperbehinderung von einer geistigen Behinderung begleitet wird.

Welche Formen von UK gibt es?  

Zunächst kann man zwischen körpereigenen und externen Kommunikationshilfen (elektronisch oder nicht-elektronisch) unterscheiden.  

Körpereigene Kommunikationsformen  

Hierzu zählen Laute oder Geräusche, die ein Mensch von sich gibt, aber auch Mimik, Gestik, Blickkontakt oder das Zeigen des Fingers auf einen bestimmten Gegenstand. Für viele Menschen mit schwerer Behinderung, die über keine Lautsprache verfügen, sind diese angeborenen Fähigkeiten oft die einzige Art zu kommunizieren. Für das Umfeld bedeutet es, dass sie versuchen müssen die Gestik und Mimik des Betroffenen richtig zu interpretieren und zu verstehen, was derjenige damit ausdrücken will. Bei dieser Art zu kommunizieren werden die Grenzen jedoch sehr schnell sichtbar: Woher soll man wissen, warum jemand ein trauriges Gesicht macht? Warum fängt ein Mensch plötzlich an zu lachen, was hat ihn dazu bewegt? Wo will der Mensch, der seinen Finger in eine bestimmte Richtung hält, genau hin zeigen? All die tieferliegenden Ursachen von Emotionen oder konkreten Details von Wünschen und Bedürfnissen bleiben bei dieser Art oft unergründet.  

Neben diesen angeborenen Fähigkeiten der Kommunikation, gibt es auch noch verschiedene Arten von Gebärden, die erlernt werden können.  

Neben der offiziellen deutschen Gebärdensprache (DGS), die gehörlose Menschen in Deutschland erlernen, gibt es viele Abwandlungen von Gebärden, die für Menschen mit geistiger Behinderung geeignet sind. Hierzu gehören zum Beispiel GUK (gebärdenunterstützende Kommunikation) oder „Schau doch meine Hände an“. Bei all diesen Arten werden die Gebärden nur lautsprachunterstützend verwendet und stellen keine eigene Sprache dar.  

Weitere Informationen zu den einzelnen Gebärdensystemen:  

Und so kann ein Kurs aussehen, in dem Erwachsene lautsprachunterstützende Gebärden lernen.

Nicht-elektronische Kommunikationsmittel  

Oft werden in der UK statt Wörtern verschiedene Bildsymbole genutzt. Ein bekanntes Symbolsystem sind die sogenannten METACOM-Symbole.

Um diese sinnvoll zu verwenden, eignet sich zum Beispiel der sogenannte Kölner Kommunikationsordner. Am Rand befindet sich das sogenannte Kernvokabular, also die Wörter die das Kind am häufigsten benutzt. In der Mitte befinden sich verschiedene Seiten mit Wörtern, die oft eher situationsspezifisch sind und somit häufiger gewechselt werden müssen/können. Durch Zeigen auf die entsprechenden Bildsymbole kann das Kind Stück für Stück lernen, auf diese Art und Weise mit anderen Menschen zu kommunizieren.  

Eine weitere Möglichkeit, um mit diesen Symbolen eine sinnvolle Kommunikationsförderung durchzuführen ist das sogenannte PECS-Verfahren (picture-exchange-communication-system). Ziel von PECS ist es, den Kindern und Jugendlichen die Intentionalität von Kommunikation begreifbar zu machen. Sie sollen also lernen, dass sie selbst initiativ sein müssen und etwas mit Kommunikation erreichen können.  

Elektronische Kommunikationsmittel  

Für das IPad gibt es zum Beispiel die App MetaTalkDE, mit der Kinder und Erwachsene dann mithilfe von verschiedenen Symbolen kommunizieren können. In der Praxis kann das so aussehen.

Daneben gibt es außerdem viele speziell entwickelte Geräte, die für UK geeignet sind. Eine gute Übersicht über verschiedene technische Geräte findest Du hier. Unterschieden werden die Geräte meist in einfache, dynamische und schriftsprachliche Systeme. Bei den einfachen Geräten, wie zum Beispiel den BigMack gibt es nur einen Button, auf den etwas aufgesprochen werden kann. Mit dynamischen Systemen, wie z.B. dem GoTalk ist es möglich auf ein großes Repertoire an Vokabeln zurückzugreifen und dadurch komplexere Sätze zu bilden. Die schriftsprachbasierten Geräte Allora2 und das Letterpad sind für Menschen mit guten motorischen und visuellen Fähigkeiten geeignet. Dahingegen gibt auch Geräte wie den ´My Tobii´, der über Augensteuerung zu bedienen ist und sich somit für Menschen eignet, deren Fein- und Grobmotorik nur eingeschränkt oder überhaupt nicht funktioniert.  

Eine Möglichkeit, damit sich Kinder zum Beispiel ein Bilderbuch oder eine Anleitung anhören können, ist der sogenannte Anybook- Reader. Es können verschiedene Sticker besprochen werden, die dann überall platziert werden können. Um diese abzuhören, muss das Kind lediglich den Stift auf den Sticker halten und hört sofort, was darauf auf gesprochen wurde.  

Wo informiere ich mich über eine UK- Förderung?  

Es gibt viele verschiedene Institutionen und Orte, die Beratung und Förderung von UK anbieten. Eine Übersicht über die verschiedenen Stellen in Deutschland findest Du hier.  

Wenn es konkret um die Versorgung mit einem passenden Hilfsmittel bzw. Gerät geht, empfiehlt sich zum Beispiel eine Kontaktaufnahme mit ELECOK oder REHAVISTA. Die Leute, die dort arbeiten, kennen sich sehr gut mit den unterschiedlichen Vor- und Nachteilen der Geräte aus und finden mit dir und deinem Kind zusammen das passende Gerät. Eine Hilfsmittelversorgung läuft meist in verschiedenen Schritten ab:  

  1. Bedürfnisse klären
    Welche Fähigkeiten hat das Kind? Wie ist das Umfeld? Welche Anforderungen soll das Gerät erfüllen? Was soll das Ziel der UK-Förderung sein?  
  2. Persönliche Beratung  
    Du bekommst eine ausführliche Beratung zu den verschiedenen Geräten von erfahrenen Beratern des Teams. Außerdem findet ein Hausbesuch statt, um die Fähigkeiten und Wünsche des Kindes einschätzen und berücksichtigen zu können.
  3. Beantragung der Kostenübernahme
    Das Team beantragt bei deiner Einwilligung die Kostenübernahme selbst.  
  4. Persönliche Einweisung  
    Das Gerät wird geliefert, Du und dein Kind erhalten eine ausführliche Einweisung. Gegebenenfalls gibt es auch weitere Schulungen für dich als Erziehungsberechtigter.  
  5. Evaluation und Überwachung  
    UK- Förderung ist nie abgeschlossen und sollte stetig überprüft, verbessert und erweitert werden.  

Auf was muss ich persönlich bei einer UK- Förderung achten?  

Denke daran, dass Du in allem was Du tust ein Vorbild für dein Kind bist. Kinder ohne Behinderung wachsen in einem Umfeld auf, in dem oftmals alle die gleiche Sprache sprechen, Dinge benennen und Kontakt miteinander aufnehmen. Sie haben Vorbilder, die ihnen zeigen, wie man Kommunikation sinnvoll einsetzen kann. Kindern mit Behinderung, die Probleme mit der verbalen Lautsprache haben, fehlen diese Vorbilder meistens. Deshalb ist sehr wichtig, dass Du dich auf diese Sprache deines Kindes einlassen, das UK-System mitbenutzen und deinem Kind auch in dieser alternativen Sprache in allen Lebensbereichen ein kompetentes Vorbild für die Sprachentwicklung bist. Dieses Prinzip nennt man auch Modelling. Um zu lernen wie dieses Modelling im Alltag umzusetzen ist, ist folgendes Buch sehr zu empfehlen: „Modelling in der Unterstützten Kommunikation“ von Claudio Castaneda, Nina Fröhlich und Monika Waigand.

Weiterführende Informationen
Quellenverzeichnis
Bildquellen
  • https://www.istockphoto.com/de/foto/spielen-sie-ein-spiel-auf-einem-digitaltablett-gm636027542-112593293