Auszug von zu Hause

Jugend- und Erwachsenenalter

Auszug von zu Hause

Stand: 30.06.2021

Der Auszug von von zu Hause ist für alle Menschen ein wichtiger Schritt zu mehr Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Ob ein Kind eine Behinderung hat oder nicht - dieser Schritt ist zunächst für viele Eltern nicht leicht. Für Eltern mit Kindern mit Behinderung hat der Auszug des Kindes und der Ablöseprozess aber meist nochmal eine andere Bedeutung, da die Unterstützung, Erziehung und Pflege der Kinder für viele zur Lebensaufgabe geworden ist. Mit einem anstehenden Auszug des Kindes kommen Fragen auf: Wo und wie finde ich ein geeignetes Wohnangebot? Wird es meinem Kind ohne uns als Eltern überhaupt gut gehen? Wird mein Kind mit der großen Veränderung, die ein Umzug mit sich bringt, klarkommen? Wie kann mein Kind zukünftig unterstützt werden, auch wenn wir als Eltern in Zukunft weniger oder nicht mehr für das Kind sorgen können? Folgender Fachbeitrag soll dich als Elternteil eines Kindes mit Behinderung beim Thema Auszug unterstützen.


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Was bedeutet der Auszug?

Viele Eltern mit Kindern mit Behinderung tun sich besonders schwer mit dem Gedanken, dass ihr Kind von daheim ausziehen soll. Doch warum ist das so? Ein Grund dafür ist, dass die Eltern ihre Kinder meist mehr unterstützen müssen, als Kinder, die keine Behinderung haben und vielleicht schon mit 15 Jahren ihre eigenen Wege gehen. Umso schwieriger fällt natürlich auch das Loslassen, weil man in gewisser Weise fester zusammengewachsen ist und es auch schwerfällt, sich das Leben anders vorzustellen. 

Dann gibt es auch noch den Gedanken, dass der Auszug für das Kind nicht unbedingt ein Schritt in die Selbständigkeit bedeutet, weil es sich nicht alleine versorgen kann. Das ist bei vielen Kindern mit Behinderung auch so. Aber dennoch kann das Ausziehen ein Schritt in „ein eigenes Leben“ unabhängig von den Eltern sein, auch wenn dafür mehr Unterstützung notwendig ist. Dieser Schritt ist in vielerlei Hinsicht für alle Heranwachsenden wichtig, egal ob sie körperlich oder geistig in der Lage sind, sich selbständig zu versorgen. Das Gefühl des  „Erwachsenseins“ und „etwas Eigenes“ zu haben ist eine wertvolle Erfahrung, die zum Leben dazu gehört und zum Teil Grundlage für weitere Entwicklungsschritte ist, die man vielleicht gar nicht für möglich gehalten hätte.

Entscheidend ist auch oft die brennende Frage, ob es dem Kind dort dann auch gut geht, weil man doch selbst nach vielen Jahren am besten weiß, was ihm gut tut und welche Unterstützung gebraucht wird. Doch auch für Kinder mit Behinderung ist es wichtig zu lernen Kompromisse einzugehen und dass man vielleicht nicht immer an erster Stelle stehen kann, wie es in der Familie häufiger ist. Auch in dieser Hinsicht bedeutet Ausziehen eine Entwicklung.

Angst, den Kontakt zu meinem Kind nach dem Auszug zu verlieren

Diese Angst kommt häufig vor, jedoch bedeutet ein Auszug nicht automatisch, dass man den Kontakt zu seinem Kind verliert. Es ist immer eine individuelle Entscheidung, wie man den Kontakt pflegt, so wie man zu anderen Kindern - die von zu Hause ausziehen - auch noch mehr oder weniger intensiven Kontakt hält. Gemeinsame Unternehmungen, Einladungen zum Abendessen, Telefonate, Videoanrufe und all das lässt die Verbindung zu deinem Kind bestehen. Es gibt einige Möglichkeiten weiterhin ein Miteinander zu gestalten, nur eben in einem geringeren Umfang. 

Was spricht für einen Auszug?  

Natürlich gibt es auch Kinder, die nicht von zu Hause ausziehen und das ist und bleibt die Entscheidung eines jeden Einzelnen. Wenn alle Beteiligten damit zufrieden sind, kann das natürlich auch eine Alternative sein. Einige Dinge können jedoch dafür sprechen, dass Du nach passenden Wohnmöglichkeiten für dein Kind suchst. 

Betreuung und Pflege in der Zukunft

Denke auch an die Zukunft und daran, was passiert, wenn Du einmal “nicht mehr so kannst” und die Pflege körperlich zu anstrengend ist. Je älter ein Kind wird und je länger es zu Hause lebt, desto schwieriger wird es auch in der Regel für das Kind sich z. B. in hohem Alter nochmal auf eine andere Wohnform einzustellen. Auch die Suche und der Übergang in ein passendes Wohnangebot kann vielleicht nicht mehr so begleitet werden, wenn man sehr spontan einen Platz benötigt. 

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Freizeit

Als Elternteil ist es wichtig, auch Freizeit und Erholung zu bekommen. Gerade dann, wenn Du in den letzten Jahren vermehrt Belastungen und anstrengenden Phasen ausgesetzt warst. Natürlich hast Du das für dein Kind gerne auf dich genommen, aber auch Eltern sind nicht unbegrenzt belastbar. Zwar können Offene Hilfen punktuell entlasten, doch das sind einfach nur kurze Verschnaufpausen.

Die entstehende Leere kann gefüllt werden

Wenn erwachsene Kinder von zu Hause ausziehen, eröffnet sich für die Eltern häufig erst einmal eine Leere, die gefüllt werden will. Doch in diesem entstehenden Freiraum eröffnet sich auch wieder viel Platz für die Partnerschaft, die vielleicht lange zurückstecken musste, für die anderen Kinder und vielleicht Enkelkinder, um die man sich kümmern möchte oder für Reisen, für die man jetzt Zeit hat. 

Verschiedene Wohnangebote

Mittlerweile gibt es mehr Wohnangebote als früher, welche die individuell notwendige Betreuung anbieten können 
Einen Überblick über die verschiedenen Wohnformen findest Du in dem findest Du in dem Fachbeitrag „Alles rund ums Wohnen“.

Finanzierung

Die Finanzierung wird je nach Wohnart von unterschiedlichen Trägern übernommen. Außerdem erhältst Du unter Umständen weiterhin das Kindergeld, um dein Kind davon entsprechend unterstützen zu können. Auch besteht die Möglichkeit einige Aufwendungen für dein Kind steuerlich geltend zu machen. Auch Leistungen der Eingliederungshilfe, Existenzsicherung und Pflegegeld können eine finanzielle Entlastung für dich darstellen. Weitere Informationen findest Du im Fachbeitrag zum Thema Wohnen.  

Was macht die Entscheidung in der Praxis schwierig?

Im Moment entwickelt sich einiges in diesem Bereich, wodurch die Entscheidung für die richtige Wohnform erschwert ist und eine klare Empfehlung, für die eine oder die andere Lösung nicht immer zu geben ist.  Es gibt mehrere Wege, die beschritten werden können und für jedes Kind ist ein anderer der Richtige. 

Die theoretisch gegebene Wahlfreiheit bezüglich der Wohnform bzw. einem Platz in einer Wohneinrichtung wird allerdings häufig dadurch erschwert, dass lange Wartezeiten bestehen oder in der gewünschten Umgebung keine passenden Angebote vorhanden sind.  

Veränderte Konzeptionen

Früher gab es für  Menschen mit Behinderung nicht viele Wahlmöglichkeiten. In vielen Fällen hieß es: Leben im Wohnheim oder zu Hause. Heute verändern die Trägervereine wie Lebenshilfe, Caritas und Diakonie zunehmend ihre Konzeptionen. Wohnheime (Stationäres Wohnen, besondere Wohnform) werden anders gestaltet, es werden Wohngruppen in Wohnhäusern eingerichtet, man sorgt für Unterstützungssysteme, die ein Wohnen alleine ermöglichen sollen und bietet Wohntraining an. Die Angebote verändern sich sehr schnell, sodass Eltern häufig Schwierigkeiten mit dem Abwägen haben, welche Möglichkeit für ihr Kind die Richtige ist.

Veränderte finanzielle Rahmenbedingungen und Persönliches Budget

Früher war ebenso klar: Wenn jemand im Wohnheim wohnt, zahlt das der Kostenträger in der überwiegenden Anzahl der Fälle. Eltern müssen allenfalls eine geringe Zuzahlung leisten. Bei all den neuen Konzeptionen sind finanzielle Entscheidungen zum Teil individuell und regional verschieden.

Zusätzlich gibt es das persönliche Budget. Das ist ein Geldbetrag, den Menschen mit Behinderung abhängig von ihrem individuellen Hilfebedarf in Anspruch nehmen können. Mit diesem kann man eigenverantwortlich Unterstützungsleistungen erkaufen, die für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben benötigt werden. So kann man über den Einsatz des Geldes selbst entscheiden.

Verschiedene Finanzierungsformen und Fragen wie „Wo stelle ich welchen Antrag?“, „Woran muss ich denken?“ erschwert zwar die Auswahl, trotzdem gilt aber, dass die Finanzierung in vielen Fällen gesichert ist.

Wer bietet was an?

Um überhaupt eine Wahl zu haben, über die man nachdenken kann, ist das Angebot vor Ort ein entscheidendes Kriterium. Wo kannst Du also näheres darüber erfahren?

  • Frage direkt bei den Trägervereinen der Behindertenhilfe in deiner Umgebung nach, welche Angebote dort gemacht werden. Das sind zum Beispiel Lebenshilfe, Caritas, Diakonie oder Mitgliedsvereine des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.
     
  • Frage die Fachkräfte in den Einrichtungen, zu denen dein Kind bereits Kontakt hat. Diese sind meist sehr gut über die Möglichkeiten in der Region informiert.
     
  • Frage bei deinem örtlichen Behindertenbeauftragten, ob es eine Übersicht über Wohnangebote für Menschen mit Behinderung gibt.
     
  • Beratung bei der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB)

Wie haben andere Eltern den Prozess erlebt?  

In diesem Video bekommst Du von mehreren Eltern einen Einblick in Herausforderungen und Chancen, die das Loslassen und Ausziehen deines Kindes mit sich bringen kann. Das Beispiel ist aus Österreich, verdeutlicht werden soll hier die persönliche Erfahrung.  

Weiterführende Informationen
  • Artikel zum Thema Selbstständigkeit aus Sicht eines Mannes mit Behinderung 
     
  • Buch von Doro May: „Das Leben ist schön, von einfach war nicht die Rede – Meine besondere Tochter ist erwachsen“
Quellenverzeichnis
  • http://www.intakt.info/informationen-und-recht/jugend-erwachsenenalter/ausziehen-von-zu-hause/
  • https://www.ph-heidelberg.de/fileadmin/user_upload/wp/klauss/Abloesung.pdf
Bildquellen
  • https://de.123rf.com/lizenzfreie-bilder/19979130.html?oriSearch=umzug&sti=oav0vfc0w1ciqrhhzs|&mediapopup=19979130
  • https://de.123rf.com/lizenzfreie-bilder/zustimmung.html?&sti=npdjvp1tys2a3b6ejb|&mediapopup=31875067