Auszug von zu Hause

Jugend- und Erwachsenenalter

Auszug von zu Hause

Stand: 17.12.2025

Der Auszug von zu Hause ist für viele Menschen ein wichtiger Schritt zu mehr Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Ob ein Kind eine Behinderung hat oder nicht - dieser Schritt ist für Eltern nicht leicht. Für Eltern von Kindern mit Behinderung hat der Auszug des Kindes und der Ablöseprozess aber meist nochmal eine andere Bedeutung, da der Auszug mit vielen Fragen verbunden ist. Wo und wie finde ich ein geeignetes Wohnangebot? Wird es meinem Kind ohne uns als Eltern gut gehen? Wird mein Kind mit der großen Veränderung klarkommen? Wie kann mein Kind zukünftig unterstützt werden, auch wenn wir als Eltern in Zukunft weniger oder nicht mehr für das Kind sorgen können? Folgender Fachbeitrag soll dich als Elternteil eines Kindes mit Behinderung beim Thema Auszug unterstützen.

Bildquelle: © Anna-Mari West/ 123RF.com 

Was bedeutet der Auszug?

Viele Eltern von Kindern mit Behinderung haben Schwierigkeiten mit dem Gedanken an einen Auszug ihres Kindes aus dem Elternhaus. Ein Grund dafür ist der in der Regel deutlich höhere Unterstützungsbedarf im Alltag im Vergleich zu Kindern ohne Behinderung.  Umso schwieriger fällt natürlich auch das Loslassen, weil man in gewisser Weise fester zusammengewachsen ist und es auch schwerfällt, sich das Leben anders vorzustellen. 

Dann gibt es auch noch den Gedanken, dass der Auszug für das Kind nicht unbedingt ein Schritt in die Selbständigkeit bedeutet, weil es sich nicht alleine versorgen kann. Das ist bei vielen Kindern mit Behinderung auch so. Aber dennoch kann das Ausziehen ein Schritt in „ein eigenes Leben“ unabhängig von den Eltern sein, auch wenn dafür mehr Unterstützung notwendig ist. Dieser Schritt ist in vielerlei Hinsicht für alle Heranwachsenden wichtig. Das Gefühl des „Erwachsenseins“ und „etwas Eigenes“ zu haben ist eine wertvolle Erfahrung, die zum Leben dazu gehört und zum Teil Grundlage für weitere Entwicklungsschritte ist, die man vielleicht gar nicht für möglich gehalten hätte.

Entscheidend ist auch oft die brennende Frage, ob es dem Kind dort dann auch gut geht, weil man doch selbst nach vielen Jahren am besten weiß, was ihm gut tut und welche Unterstützung gebraucht wird. Doch auch für Kinder mit Behinderung ist es wichtig zu lernen Kompromisse einzugehen und dass man vielleicht nicht immer an erster Stelle stehen kann, wie es in der Familie häufiger der Fall ist. Auch in dieser Hinsicht bedeutet der Auszug eine Entwicklung. 

Angst, den Kontakt zu meinem Kind nach dem Auszug zu verlieren

Diese Angst kommt häufig vor, jedoch bedeutet ein Auszug nicht automatisch, dass man den Kontakt zu seinem Kind verliert. Es ist immer eine individuelle Entscheidung, wie man den Kontakt pflegt, so wie man zu anderen Kindern auch noch mehr oder weniger intensiven Kontakt hält. Gemeinsame Unternehmungen, Einladungen zum Abendessen, Telefonate, Videoanrufe und all das lässt die Verbindung zu deinem Kind bestehen. Es gibt einige Möglichkeiten weiterhin ein Miteinander zu gestalten, nur eben in einem geringeren Umfang.  

Was spricht für einen Auszug?  

Natürlich gibt es auch Kinder, die nicht von zu Hause ausziehen und das ist und bleibt die Entscheidung eines jeden Einzelnen. Wenn alle Beteiligten damit zufrieden sind, kann das natürlich auch eine Alternative sein. Einige Dinge können jedoch für die Suche nach einer passenden Wohnmöglichkeit für dein Kind sprechen.

Betreuung und Pflege in der Zukunft

Denke auch an die Zukunft und daran, was passiert, wenn Du einmal “nicht mehr so kannst” und die Pflege körperlich zu anstrengend ist. Je älter ein Kind wird und je länger es zu Hause lebt, desto schwieriger wird es auch in der Regel für das Kind sich beispielsweise in hohem Alter nochmal auf eine andere Wohnform einzustellen. Auch die Suche und der Übergang in ein passendes Wohnangebot kann vielleicht nicht mehr so begleitet werden, wenn man sehr spontan einen Platz benötigt.  

Freizeit

Als Elternteil ist es wichtig, auch Freizeit und Erholung zu bekommen. Gerade dann, wenn Du in den letzten Jahren vermehrt Belastungen und anstrengenden Phasen ausgesetzt warst. Natürlich hast Du das für dein Kind gerne auf dich genommen, aber auch Eltern sind nicht unbegrenzt belastbar. Zwar können Offene Hilfen punktuell entlasten, doch das sind einfach nur kurze Verschnaufpausen. 

Die entstehende Leere kann gefüllt werden

Wenn erwachsene Kinder von zu Hause ausziehen, entsteht für die Eltern häufig erst einmal eine Leere, die gefüllt werden will. Doch in diesem entstehenden Freiraum eröffnet sich auch wieder viel Platz für die Partnerschaft, die vielleicht lange zurückstecken musste, für die anderen Kinder und vielleicht Enkelkinder, um die man sich kümmern möchte oder für Reisen, für die man jetzt Zeit hat.  

Verschiedene Wohnangebote

Einen kurzen Überblick über verschiedene Wohnmöglichkeiten und weiterführende Informationen findest Du in unserem Fachbeitrag „Alles rund ums Wohnen“

Finanzierung

Die Finanzierung wird je nach Wohnart von unterschiedlichen Trägern übernommen. Außerdem erhältst Du unter Umständen weiterhin das Kindergeld, um dein Kind davon entsprechend unterstützen zu können. Auch besteht die Möglichkeit einige Aufwendungen für dein Kind steuerlich geltend zu machen. Weitere Informationen findest Du in unserem Fachbeitrag zum Thema Wohnen.   

Was macht die Entscheidung in der Praxis schwierig?

Es gibt mehrere Wege, die beschritten werden können und für jedes Kind ist es ein eigener.

Die theoretisch gegebene Wahlfreiheit bezüglich der Wohnform, beziehungsweise einem Platz in einer Wohneinrichtung wird häufig dadurch erschwert, dass lange Wartezeiten bestehen oder in der gewünschten Umgebung keine passenden Angebote vorhanden sind.

Veränderte Konzeptionen

Früher gab es für Menschen mit Behinderung nicht viele Wahlmöglichkeiten. In vielen Fällen hieß es: Leben im Wohnheim oder zu Hause. Heute verändern die Trägervereine wie Lebenshilfe, Caritas und Diakonie zunehmend ihre Konzeptionen. Wohnheime (Stationäres Wohnen, besondere Wohnform) werden anders gestaltet, es werden Wohngruppen in Wohnhäusern eingerichtet, man sorgt für Unterstützungssysteme, die ein Wohnen alleine ermöglichen sollen und bietet Wohntraining an. Die Angebote verändern sich sehr schnell, sodass Eltern häufig Schwierigkeiten mit dem Abwägen haben, welche Möglichkeit für ihr Kind die richtige ist. 

Veränderte finanzielle Rahmenbedingungen und Persönliches Budget

Früher war ebenso klar: Wenn jemand im Wohnheim wohnt, zahlt das der Leistungsträger in der überwiegenden Anzahl der Fälle. Eltern müssen allenfalls eine geringe Zuzahlung leisten. Bei all den neuen Konzeptionen sind finanzielle Entscheidungen zum Teil individuell und regional verschieden.

Des Weiteren gibt es das persönliche Budget. Das ist ein Geldbetrag, den Menschen mit Behinderung abhängig von ihrem individuellen Hilfebedarf in Anspruch nehmen können. Mit diesem kann man eigenverantwortlich Unterstützungsleistungen erkaufen, die für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben benötigt werden. So kann man über den Einsatz des Geldes selbst entscheiden.

Verschiedene Finanzierungsformen und Fragen wie „Wo stelle ich welchen Antrag?“, „Woran muss ich denken?“ erschwert zwar die Auswahl, trotzdem gilt aber, dass die Finanzierung in vielen Fällen gesichert ist. 

Wer bietet was an?

Um überhaupt eine Wahl zu haben, über die man nachdenken kann, ist das Angebot vor Ort ein entscheidendes Kriterium. Wo kannst Du Näheres darüber erfahren?

  • Frage direkt bei den Trägervereinen der Behindertenhilfe in deiner Umgebung nach, welche Angebote es dort gibt. Das sind zum Beispiel Lebenshilfe, Caritas, Diakonie oder Mitgliedsvereine des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.
     
  • Frage die Fachkräfte in den Einrichtungen, zu denen dein Kind bereits Kontakt hat. Diese sind meist sehr gut über die Möglichkeiten in der Region informiert.
     
  • Frage bei deinem örtlichen Behindertenbeauftragten, ob es eine Übersicht über Wohnangebote für Menschen mit Behinderung gibt.
     
  • Beratung bei der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB)
     
  • Auf der Seite WOHN:SINN findest Du viele Informationen rund um das Thema inklusives Wohnen. Diese bieten auch Informationsveranstaltungen an und Du findest eine Übersicht über aktuelle Wohnprojekte.

Wie haben andere Eltern den Prozess erlebt?  

In diesem Beitrag beschreibt unsere Moderatorin Inge, wie sie den Auszug ihrer Tochter in eine WG erlebt hat.

Unser Interview zum Thema Wohnen auf YouTube mit Marco Hörmeyer: Alle Eltern stehen früher oder später vor der Entscheidung, wo die Tochter oder der Sohn mit Behinderung in Zukunft leben kann/leben möchte. Dabei stellen sich den meisten viele Fragen: Wo kann mein Kind wohnen? Welche Angebote gibt es? Wie kann ich meinem Kind die Lebensqualität ermöglichen, die ich mir für es wünsche? Wie kann das funktionieren? Wo ist ein Platz frei? 

Weiterführende Informationen
Quellenverzeichnis
  • https://www.ph-heidelberg.de/fileadmin/user_upload/wp/klauss/Abloesung.pdf
Bildquellen